Münchner Innovationsprojekt „MCube MOSAIQ“: Zukunfts-Quartiere gemeinsam gestalten

Münchner Innovationsprojekt „MCube MOSAIQ“: Zukunfts-Quartiere gemeinsam gestalten

Städtebau & Quartiersentwicklung

Münchner Innovationsprojekt „MCube MOSAIQ“: Zukunfts-Quartiere gemeinsam gestalten

Text: Stefanie Ruf, Mareike Schmidt | Foto (Header): © MICHAEL – STOCK.ADOBE.COM

Wie hängt Mobilität mit Fragen von Klima, Gemeinschaft, zukunftsgerechter Verteilung von öffentlichem Raum und Aufenthaltsqualität zusammen? Damit befasst sich MCube MOSAIQ, ein Innovationsprojekt unter Leitung der Technischen Universität München. Gemeinsam mit der Bürgerschaft wurden im Projekt ko-kreativ Lösungen für den öffentlichen Raum entwickelt, die ab Sommer 2026 zeitlich begrenzt in zwei Münchner Quartieren umgesetzt und getestet werden.

Auszug aus:

In der EU sind die Treibhausgas-Emissionen in den letzten drei Jahrzehnten um etwa 40 % gesunken, beispielsweise aufgrund von veränderten Regulierungen und einer Abkehr von fossilen Brennstoffen in Bezug auf Elektrizität und Wärmeproduktion. Ein wichtiger Schritt – nur leider zeigt sich diese Entwicklung (noch) nicht gleichermaßen in allen Sektoren. Insbesondere der Mobilitäts- und Transportbereich trägt mit seinen weiterhin hohen Emissionen vor allem in Städten maßgeblich zum Klimawandel bei [1]. Das liegt u. a. daran, dass bauliche Maßnahmen wie der Ausbau von Tramstrecken oder Radinfrastruktur, die zur Reduktion von Emissionen beitragen, oft mit langen Zeitskalen und hohen Kosten verbunden sind. Außerdem fehlen systemische Ansätze: Häufig wird der Fokus auf den Transport und das Zurücklegen von Strecken gelegt, ohne damit verknüpfte Emotionen, Werte und deren Bedeutung mitzudenken oder soziokulturelle und strukturelle Fragen danach zu stellen, wer mobil sein muss [2], beispielsweise, weil im eigenen Quartier Angebote fehlen oder weil die Aufenthaltsqualität gering ist.

Es braucht also zum einen Ansätze, die Mobilität ganzheitlicher und nicht nur im Sinne des Fortbewegens von A nach B denken, und zum anderen Projekte, die bereits heute Veränderung anstoßen können, bis größere Bauvorhaben realisiert sind. Realexperimente, bei denen zeitlich begrenzt Straßenraum umgestaltet wird, sind hier ein wichtiger Hebel. Indem Aufenthaltsqualität und Angebote vor Ort verbessert werden, müssen weniger weite Wege zurückgelegt werden. Das kann das Mobilitätssystem entlasten, aktive Mobilität wie Fuß- und Radverkehr stärken, Emissionen reduzieren und Lebensqualität und Gemeinschaftssinn im Quartier verbessern [3]. Außerdem helfen Realexperimente dabei, Zusammenhänge von Mobilität mit Klima herzustellen, partizipativ Bedürfnisse und Ansprüche an den öffentlichen Raum auszuhandeln und Bürgern so zu ermöglichen, an der Gestaltung von Zukunfts-Quartieren teilzuhaben. Sie zeigen auf, wie öffentlicher Raum in Zukunft anders verteilt werden könnte, bevor dauerhafte Umgestaltungen umgesetzt werden, und machen so Veränderungen vorstellbar und alternative Verhaltensoptionen sichtbar. Das kann langfristig zur Akzeptanz transformativer Maßnahmen beitragen [4].

Mobilität mehr als Verkehr: das Projekt MCube MOSAIQ

MCube MOSAIQ beschäftigt sich mit der ko-kreativen Gestaltung lebenswerter Quartiere in München. MOSAIQ steht für „Mobilität und Stadtklima im Zukunfts-Quartier“ und ist Teil von MCube – dem „Münchner Cluster für die Zukunft der Mobilität in Metropolregionen“. Der Cluster aus über 80 Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Verwaltung wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. MOSAIQ hat eine Laufzeit von Dezember 2024 bis November 2027. Unter Leitung der Technischen Universität München setzt sich in MOSAIQ ein Konsortium aus wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, verschiedenen Referaten der Landeshauptstadt München und Start-ups dafür ein, gemeinsam mit der Bürgerschaft und weiteren lokalen Akteuren Quartiere zu Orten zu machen, die den Herausforderungen des Klimawandels und der urbanen Mobilität im knappen öffentlichen Raum gerecht werden.

1 | Verortung der beiden MOSAIQ-Projektquartiere in München in Moosach und Schwabing-West. Die gestrichelte Linie zeigt den Mittleren Ring in München.
BILD: MCUBE / V. KLOTZ

3 | MOSAIQ Dialogpunkt mit Projektinformationen, Lastenradsharing-Angebot und Radreparaturstation
BILD: MCUBE / R. KEMMERZEHL

Auswahl geeigneter Quartiere

Vor dem Start der Beteiligung der Bürger bei der Planung und Umsetzung von temporären Maßnahmen stand die Auswahl von zwei Quartieren – nach fachlichen Kriterien und unter Berücksichtigung anderer Vorhaben in München.

Wichtig dabei war u. a.:
— Das Quartier ist kein Neubaugebiet.
— Das Quartier hat eine gute ÖPNV-Anbindung.
— Es besteht ein erhöhter Bedarf an Maßnahmen, die das Quartier an stadtklimatische Veränderungen anpassen.
— Es besteht ein erhöhter Bedarf für die Verbesserung der Mobilität für alle.

Außerdem war ein wichtiges Kriterium, dass die Bezirksausschüsse – die gewählten Vertretungen der Interessen von Bürgern für die verschiedenen Münchner Stadtbezirke – MCube MOSAIQ unterstützen und bereit sind, das Innovationsprojekt inhaltlich mitzugestalten. Bild 1 zeigt die finalen Umgriffe der beiden ausgewählten Quartiere in Schwabing-West und Moosach, in denen MCube MOSAIQ aktiv ist. Der Vergleich dieser beiden Quartiere ist besonders interessant – immerhin ist Schwabing-West der am dichtesten besiedelte Bezirk Münchens. Hier leben und arbeiten besonders viele Menschen, mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen an den öffentlichen Raum. Im Sommer wird es in Schwabing-West außerdem besonders heiß, aber nicht nur dort: Trotz geringerer Dichte hat Moosach ebenfalls besondere Anforderungen an Klimaanpassung im Bereich Hitzeschutz. Außerdem bieten die Straßenräume innerhalb des Quartiers in Moosach wenig Aufenthaltsqualität, sind primär auf den Autoverkehr ausgelegt und durch ruhenden Verkehr geprägt.

2 | Übersicht über den Projektablauf ab offizieller Information der Bürger im Sommer 2025
BILD: MCUBE / V. KLOTZ

Von der Idee zur Umsetzung

Vom Projektstart (Ende 2024) bis Mitte 2025 stand neben der Quartiersauswahl auch die genaue Definition des ko-kreativen Beteiligungsprozesses im Vordergrund. Im Sommer 2025 startete dann die groß angelegte Information aller Haushalte im Quartier mit einer Postwurfsendung, Infoveranstaltungen und Quartiersgesprächen dazu, was MCube MOSAIQ ist und wie man sich bis Projektende beteiligen kann (Bild 2).

Im Herbst 2025 wurden auch zwei Dialogpunkte pro Quartier errichtet, an denen sich Interessierte über neuste Projektentwicklungen informieren, mit dem Projektteam in den Austausch kommen und erste Mobilitätsangebote nutzen konnten (Bild 3).

Außerdem startete das Herzstück des ko-kreativen Beteiligungsprozesses, das MCube MOSAIQ Ideenforum, mit einem Ideenaufruf: Alle, die im Projektquartier wohnen, arbeiten oder wirken, waren eingeladen, ihre Ideen für die Projektgebiete einzureichen. Über 100 Ideen erreichten das Projektteam. Nach einer ersten Prüfung auf Gültigkeit und Umsetzbarkeit fand die Projektschmiede statt. Die teilnehmenden Bürger konnten dort die aus ihrer Sicht besten aus den eingereichten Ideen auswählen und entwickelten diese mit Unterstützung von Experten zu Projektskizzen weiter (Bild 4 + 5).

Dabei entstanden pro Quartier sechs konkrete Projektvorschläge. Diese wurden dann im Juryentscheid einer Jury pro Quartier übergeben, die Ende 2025 jeweils bewertete, welche Projektskizzen sie für die weitere Ausarbeitung und zeitlich begrenzte Umsetzung empfiehlt. Die Jury setzte sich jeweils aus Mitgliedern des Bezirksausschusses, der örtlichen Seniorenvertretung sowie Experten aus der Verwaltung in den Bereichen Stadtplanung, Stadtklima und Mobilität zusammen. Pro Quartier wurden die drei vielversprechendsten Vorschläge ausgewählt und an das Projektteam zur Ausarbeitung und Genehmigungsvorbereitung übergeben. Beispielsweise braucht es für die Umsetzung auch die Zustimmung des Bezirksausschusses. Die empfohlenen Vorschläge wurden in der weiteren Ausarbeitung teilweise kombiniert, um Ressourcen zu bündeln, und werden ab Sommer 2026 für mehrere Monate bis zu etwa einem Jahr umgesetzt.

4 | Sichtung der während des Ideenaufrufs eingereichten Ideen bei der Projektschmiede
BILD: MCUBE / C. MAYER

5 | Eine Teilnehmerin der Projektschmiede stellt die Projektskizze ihrer Gruppe vor.
BILDER: MCUBE / C. MAYER

Sichere Mobilität, begrünte Plätze und bessere Aufenthaltsqualität

Auffällig bei den durch die Bürger eingereichten Ideen, die gemeinsam mit lokalen Stakeholdern und Fachleuten ausgearbeitet, durch eine Jury ausgewählt und nun vom Projektteam für die Umsetzung vorbereitet werden, ist das Zusammendenken von Klima- und Mobilitätslösungen. So sollen in Schwabing-West am Apianplatz und in der Fallmerayerstraße temporär Orte mit mehr Begrünung, Aufenthaltsqualität und einer verbesserten Verkehrssicherheit entstehen. Und auch in Moosach sollen an der Kreuzung Nanga-Parbat-Straße/Hugo-Troendle-Straße/Karlingerstraße ein Begegnungsort mit mehr Begrünung, Flächen mit Mobilitätsangeboten und Gemeinschaftsgärtnern und in der umliegenden Wohnsiedlung sichere Querungsmöglichkeiten entstehen (Bild 6 + 7).

6 | Maßnahmenübersicht für das MOSAIQ Projektquartier in Schwabing-West, Planungsstand Mai 2026
BILD: MCUBE / LANDSTRICH – ZEICHNUNG & VISUALISIERUNG GBR

7 | Maßnahmenübersicht für das MOSAIQ Projektquartier in Moosach, Planungsstand Mai 2026
BILD: MCUBE / LANDSTRICH – ZEICHNUNG & VISUALISIERUNG GBR

Begleitforschung

Das Projekt wird kontinuierlich über die gesamte Laufzeit wissenschaftlich begleitet. Fragestellungen sind:
— Wie beeinflussen die umgesetzten Maßnahmen Wahrnehmungen (z. B. vom Klima und der Aufenthaltsqualität), Akzeptanz, Verhalten (wie Mobilität und Raumnutzung) und das Miteinander der Menschen im Quartier?
— Wie nehmen die Menschen im Quartier den Beteiligungsprozess wahr?
— Lassen sich Veränderungen, z. B. im Mikroklima und Verkehr, messen?
— Welche Bausteine (wie etwa Begegnungsorte, Lastenradsharing, Begrünung) sind bei der Umsetzung der Maßnahmen besonders wichtig – und für wen?
— Welche Aufteilung des öffentlichen Raums nehmen Bürger als gerecht wahr?
— Welche Prozesse und Voraussetzungen sind für die erfolgreiche Umsetzung nötig?
— Wie können wir das Gelernte auf andere Quartiere übertragen und weiterentwickeln?

Die Datenerhebung erfolgt durch einen Mix aus Methoden wie Befragungen, Zählungen und die Betrachtung der Beteiligung rund um die Umsetzung. Neben klassischen Forschungsmethoden gibt es auch partizipative Formate, bei denen sich alle einbringen können. Dazu gehören beispielsweise Klima-Spaziergänge oder Fotogeschichten. Die Ergebnisse aus MCube MOSAIQ tragen nicht nur zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bei, sondern wirken auch auf weiteren Ebenen von Zivilgesellschaft, Wirtschaft sowie Verwaltung und Politik, denn: Zeitlich begrenzte Umsetzungen erlauben das Erproben, testweise Sichtbarmachen und iterative Anpassen räumlicher Veränderungen und neuer Lösungsansätze, bevor sie – eingebettet in übergeordnete Münchner Strategien wie den Stadtentwicklungsplan oder die Mobilitätsstrategie – dauerhaft umgesetzt und auf andere Quartiere übertragen werden. Sie sind Gesprächsanstöße im Quartier, persönliche Erfahrungen zu teilen, anstatt nur theoretisch über „was wäre, wenn“ zu spekulieren. Dadurch werden auch Menschen erreicht, die sich in anderen Beteiligungsprozessen oft nicht einbringen. Dieser neu geschaffene Raum für Austausch und Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft hilft dabei, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die den Bedürfnissen möglichst vieler gerecht werden, und in Empfehlungen für eine dauerhafte Umsetzung nach dem Innovationsprojekt zu überführen.

Schwerpunkte von MCube MOSAIQ
— Verbesserung der Mobilität für alle: Einfacher und sicherer unterwegs – z. B. zu Fuß, mit dem Rad oder durch geteilte Mobilitätsangebote, die den Alltag erleichtern.
— Erhöhung der Aufenthaltsqualität: Mehr Orte, die zum Aufenthalt und Wohlfühlen einladen – für eine gesteigerte Lebensqualität im Quartier.
— Anpassung an stadtklimatische Veränderungen: Mehr Begrünung – für kühlere Sommertage, sauberere Luft und zum Schutz vor den Folgen von Starkregenereignissen.
— Zukunftsgerechte Verteilung des Straßenraums: Mehr Platz für alle – zum Spazieren, Aufhalten oder für begrünte Begegnungsorte im Quartier.
— Stärkung der Gemeinschaft: Neue Treffpunkte und Möglichkeiten, die Nachbarschaft besser kennenzulernen und mitzugestalten.

Weitere Informationen
Sie möchten auf dem Laufenden bleiben, wie es in MCube MOSAIQ weitergeht, welche Erkenntnisse wir bereits sammeln konnten oder was nach Projektende passiert? Dann schauen Sie gern auf unserer Webseite vorbei: https://mcube-cluster.de/mosaiq

Quellen


[1] European Environment Agency. (2026). Key trends and drivers in greenhouse gas emissions in the European Union. Kopenhagen: European Environment Agency. https://doi.org/10.2800/5318095

[2] Manderscheid, K. (2024). Mobilität und Verkehr. In F. Eckardt (Hrsg.), Handbuch Stadtsoziologie (S. 1–17). Wiesbaden: Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-42419-0_25-1

[3] Bertolini, L. (2020). From „streets for traffic“ to „streets for people“: Can street experiments transform urban mobility? Transport Reviews, 40, 734–753. https://doi.org/10.1080/ 01441647.2020.1761907

[4] Jung, M., Knopf, S., & Mögele, M. (2026). Making futures with urban experiments: Picturing, preparing and persuading. Urban Transformations, 8(1), 2. https://doi.org/10.1186/s42854-026-00089-x

Die Autorinnen


Stefanie Ruf
ist Mobilitätspsychologin. Sie promovierte zur gerechten Verteilung von Verkehrsflächen und der subjektiven Sicherheit von Rad- und Kfz-Fahrenden. An der Professur für Urban Design an der Technischen Universität München leitet sie die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Transforming urban mobility“, die zu nachhaltigen Mobilitätstransitionen und Gesundheit in Städten forscht. Zu den Projekten der Gruppe zählt u. a. MCube MOSAIQ.

Mareike Schmidt
ist Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Urban Design an der Technischen Universität München. Sie promoviert zur Frage, wie Realexperimente den Diskurs zur Mobilitätswende und zur menschen- und klimagerechten Stadtplanung beeinflussen. Das von 2021 bis 2024 umgesetzte Innovationsprojekt MCube AQT dient hierfür als Fallstudie. Viele Erkenntnisse aus MCube AQT fließen außerdem direkt in MCube MOSAIQ mit ein.

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