Energie, Technik & Baustoffe
Wohnprojekt wagnisWEST in München-Freiham: Mehr Gemeinschaft wagen
Foto (Header): © JENS WEBER/ CONNOLLY WEBER PHOTOGRAPHY
Seit 2006 entsteht an der westlichen Peripherie Münchens, dort, wo die Stadt in das Umland übergeht, der neue Stadtteil Freiham. Etwa ein Drittel der 350 ha großen Baufläche wurde an Wohnbaugenossenschaften vergeben. Eines dieser Projekte ist wagnisWEST, eine Kooperation der Wohn baugenossenschaften wagnis eG und München-West eG (WGMW). Das Ziel war ein zukunftsweisendes Modell gemeinschaftlichen Bauens, das soziale Vielfalt, ökologische Verantwortung und Teilhabe vereint.
Auszug aus:
QUARTIER
Ausgabe 3.2026
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Inhalte des Beitrags
Den geladenen Wettbewerb, bei dem die künftigen Mieter selbst entscheiden durften, mit welchem Architekturbüro sie bauen möchten, entschied das Wiener Büro AllesWirdGut für sich. Es überzeugte mit einem städtebaulichen und architektonischen Konzept, das unterschiedliche Intensitäten des Zusammenlebens ermöglicht. Die Idee hinter dem Wohnprojekt wagnisWEST in München-Freiham war es, gemeinschaftliches und nachhaltiges Wohnen neu zu denken und aktiv zur sozialen Struktur eines entstehenden Stadtteils beizutragen, anstatt sich im Rahmen konventioneller Eigentumsmodelle zu bewegen. Die Architekten von AllesWirdGut überarbeiteten dafür den Bebauungsplan und schufen so die Grundlage für ein räumlich wie sozial vernetztes Quartier im Herzen des neuen Stadtteils.
Vom Blockrand zum lebendigen Ensemble
Ursprünglich war eine Blockrandbebauung mit reihenhausähnlichen Strukturen im Inneren und weitgehend versiegelten Flächen über das ganze Grundstück hinweg vorgesehen. Bei der gemeinsam mit den Baugenossenschaften und der Stadt München entwickelten Überarbeitung des Städtebaus blieben die klaren räumlichen Abgrenzungen nach außen erhalten. Im Inneren entstand hingegen ein lebendiges Ensemble aus fünf unregelmäßig geformten, polygonalen Baukörpern mit drei bis fünf Geschossen. Diese gruppieren sich U-förmig um einen zentralen, begrünten Gemeinschaftshof und sind über Stege und Brücken miteinander verbunden. Trotz ihrer individuellen Gestaltung sprechen sie eine gemeinsame Architektursprache und sind als Ensemble deutlich erkennbar. Jan Fischer, Projektverantwortlicher von AllesWirdGut Architektur, erklärt:
„Wir mussten für die Baugenehmigung über 30 Abweichungen und Befreiungen beantragen. Die Stadt München hat uns jedoch unterstützt, da sich die beiden Genossenschaften mit ihren sozialen und ökologisch relevanten Projekten bereits als wertvolle Pioniere in Neubauquartieren etabliert hatten.“
Vielfalt der Wohnformen
Die insgesamt 134 barrierefreien Wohnungen, die sich auf alle Häuser verteilen, sind zwischen 26 und 130 m² groß. Neben klassischen Grundrissen wurde das Konzept des Clusterwohnens als Geschossgemeinschaft umgesetzt. Dabei teilen sich mehrere Haushalte einen großen Gemeinschaftsraum. Rund 75% der Wohnungen sind gefördert, teils über das München-Modell, teils über die einkommensorientierte Förderung (EOF). In Kooperation mit einem sozialen Träger sind außerdem fünf ambulant betreute Wohnungen für Menschen mit Behinderung entstanden. Zentrum und Herzstück des Quartiers wagnisWEST ist der „Gemeinschaftsmacher “– ein Gebäude, das als sozialer und kultureller Treffpunkt dient und vielfältige gemeinschaftliche Nutzungen unter einem Dach vereint.
Partizipation als Projektbasis
Bereits lange vor dem Einzug arbeiteten die künftigen Bewohner als Baugruppe in regelmäßigen Plena, Workshops und Exkursionen am Projekt. In Arbeitsgruppen befassten sie sich mit Themen wie Ausstattung der Gemeinschaftsräume, Organisation und Selbstverwaltung. Das Wagnis-Neubauteam begleitete den partizipativen Prozess bis zum Einzug.
Kompakte Grundrisse und maximale Öffnung
Zugunsten gemeinschaftlicher Flächen wurden die privaten Wohnbereiche bewusst kompakt gehalten, und die meisten Wohnungen verfügen über keinen eigenen Freisitz. Der Verzicht auf Balkone hatte auch wirtschaftliche Gründe, da im geförderten Wohnungsbau die Balkonfläche nur zu einem Viertel angerechnet werden kann. Zudem fiel die Wahl auf eine wartungsarme Elementfassade aus Holz, die in Kombination mit Balkonen konstruktiv aufwendiger und damit kostenintensiver gewesen wäre. Fischer erläutert: „Die Idee war, lieber etwas mehr Wohnfläche im Wohnzimmer zu schaffen und diese als Ausgleich mit raumhohen Glas-Faltwänden weit nach außen zu öffnen.“
Mehr Raum durch faltbares Glas
Die dreiteiligen Glas-Faltwand-Anlagen öffnen die Außenfassaden auf rund 7,0 m² und schaffen einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen – ein spürbarer Mehrwert, insbesondere in dicht bebauten Stadtteilen. Der Mechanismus funktioniert wie eine Ziehharmonika: Die Elemente werden zu einer Seite aufgefaltet und platzsparend als Glaspaket geparkt. Zum Lüften lässt sich ein Element wie eine Terrassentür öffnen. Optisch fügen sich die Glas-Faltwände harmonisch in die Architektur ein. Passend zu den Holzfassaden und dem hohen Nachhaltigkeitsanspruch fiel die Wahl auf das System Woodline von Solarlux mit Profilen aus Kiefernholz.
Ökologisch gebaut, sozial belebt
Die Gebäude wurden in Holz-Hybrid- Bauweise errichtet und erfüllen den Effizienzhausstandard 55. Eine geothermiegestützte Niedrigtemperatur-Fernwärme versorgt das Quartier und ist mit einer PV-Anlage im Mieterstrommodell kombiniert. Holzfassaden, recycelte Pflastersteine, Laternen und Fahrradständer orientieren sich an der Idee der Kreislaufwirtschaft. Reduzierte Tiefgaragenflächen schonen Ressourcen, begrünte Dächer und Fassaden verbessern das Mikroklima. Im Sinne des Schwammstadtprinzips wird Regenwasser auf begrünten Flächen zurückgehalten und dort natürlich versickert.







