Im Gespräch mit Thomas Duwe und Silvio Nießner
Energetische Stadtsanierung in Kassel
Text: Julia Ciriacy-Wantrup | Foto (Header): © PROSTOCK-STUDIO – STOCK.ADOBE.COM
BILDER: STADT KASSEL, FOTOGRAF: BERND SCHOELZCHEN
Mit der Neuauflage des KfW- Zuschusses 432 steht Kommunen seit Ende letzten Jahres wieder ein wirkungsvolles Instrument zur Verfügung, um integrierte Quartierskonzepte zu planen und umzusetzen. Im Rahmen der letzten Förderrunde konnte die Stadt Kassel im Stadtteil Jungfernkopf ein Projekt verwirklichen, das unterschiedlichste Aspekte auf dem Weg zur Klimaneutralität aufgegriffen hat. Wir sprechen darüber mit Thomas Duwe und Silvio Nießner aus den Bereichen der energetischen Stadtsanierung und kommunalen Wärmeplanung der Stadt Kassel.
Auszug aus:
QUARTIER
Ausgabe 2.2026
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Der Stadtteil Jungfernkopf wurde zwischen Juli 2022 und Juni 2025 im Rahmen des KfW-Zuschusses 432 energetisch aufgewertet. Weshalb fiel die Wahl auf diesen Stadtteil und worum ging es beim Projekt?
Thomas Duwe: Die Initiative kam von Menschen aus dem Stadtteil, die sich für die Energiewende einsetzen. Diese haben sich an den Ortsbeirat gewandt, wollten sich gerne einbringen und über das KfW-Programm unterstützen lassen. Ein Antrag an die Stadtverordnetenversammlung wurde dort angenommen und beschlossen. Durch meine Stelle gab es die Kapazitäten, den Antrag für den KfW-Zuschuss zu schreiben, alles vorzubereiten und umzusetzen. Ausgangspunkt war das Thema der Photovoltaik, das im Rahmen dieses Projekts auf alle Energiethemen ausgeweitet wurde – insbesondere natürlich auf die energetische Sanierung und die erneuerbare Wärmeversorgung, weil das die Kernelemente des Programms sind.
Welche weiteren Aspekte und Themen sind berücksichtigt worden?
Silvio Nießner: Die Sanierung und die erneuerbaren Energien waren das größte Themenfeld, aber insgesamt hatten wir vier verschiedene Themenfelder. Das heißt, wir haben uns im Projekt parallel dazu auch noch um das Thema Mobilität bzw. Wohnumfeld und Klimaanpassung gekümmert. Und auch „klimafreundlich leben“ war noch ein Bereich, in dem wir sehr unterschiedliche Aktivitäten umgesetzt und die große Bandbreite des Themas Nachhaltigkeit abgedeckt haben.
Wie haben Sie die Bewohner konkret und praktisch unterstützt?
S. Nießner: Wir haben eine ganze Reihe an Formaten erprobt und auf die Straße gebracht. Das reichte von individuellen Impulsberatungen zu den Themen Energie, energetisch Sanieren und Nutzen von erneuerbaren Energien bis hin zu Thermografie-Aktionen, bei denen wir den Menschen angeboten haben, auf ihr Haus mit einem anderen Blick zu schauen und sie dadurch zu motivieren, entsprechende Sanierungen auch umzusetzen. Und dann gab es diverse Infoveranstaltungen. In unserem Fall einen „Markt der Möglichkeiten“, bei dem es Infostände von verschiedenen Anbietern gab, die Wärmepumpen oder Photovoltaik einbauen usw. Wir haben Baustellenbesichtigungen gemacht, mehrere Mitmach-Baustellen angeboten, bei denen wir die oberste Geschossdecke oder die Kellerdecke von Häusern in Eigenleitung gedämmt haben, und es wurden noch weitere Mitmach-Aktionen realisiert, wie z. B. eine Baumpflanzaktion. Auch mit den Bildungseinrichtungen vor Ort haben wir zusammengearbeitet und Workshops zum Thema Energiesparen durchgeführt. Im Themenfeld der Mobilität haben wir uns dafür eingesetzt, dass im Stadtteil ein Lastenrad-Sharing eingerichtet wird. Das ist umgesetzt worden, und es gibt dort jetzt eine Lastenrad-Sharing-Station. Was bis heute und auch in Zukunft weiterwirkt, ist ein sog. Klimatreff, welches wir mit angestoßen haben. Hier kommen Bürgerinnen und Bürger zusammen, die gerne ehrenamtlich im Klimabereich aktiv sei möchten, um ihren Stadtteil mit dem Thema voranzubringen.
Wie war die Resonanz der Bewohner und welche Ansprache hat sich am wirkungsvollsten herausgestellt?
T. Duwe: Grundsätzlich war die Resonanz gut. Natürlich ist es immer so, dass sich das über die Jahre ein bisschen abflacht und sich herauskristallisiert, wer besonders interessiert ist. In diesem Kontext hat sich auch gezeigt, welche Ansprache gut funktioniert. Das persönliche Anschreiben oder das direkte Ansprechen, wenn sich eine Gelegenheit bietet oder direkt an der Haustür, hat am besten funktioniert.
S. Nießner: Auch zum Projektabschluss haben wir insgesamt sehr positive Rückmeldungen bekommen. Die Bevölkerung vor Ort hat sich dafür eingesetzt, dass das Projekt nach den drei Jahren weitergeführt wird. Leider wurde zum Ende des Projekts das Förderprogramm der KfW eingestellt, sodass darüber keine Fortführung möglich war. Vor Ort haben sich die Menschen dafür eingesetzt, dass die Förderung des Projekts trotzdem irgendwie verlängert wird. Schlussendlich hat das leider nicht funktioniert, aber ich denke, es zeigt trotzdem, dass die Menschen vor Ort eine sehr positive Verbundenheit mit diesem Projekt empfunden und sich sehr gewünscht haben, dass es in irgendeiner Form verstetigt oder weitergeführt wird. Und auch die persönlichen Rückmeldungen, die mich erreicht haben, waren insgesamt sehr positiv. Mit dem Klimatreff geht es ja nun doch auf einer Ebene weiter – wenn auch ohne Fördermittel.
Könnte dieses Projekt als Blaupause für weitere, ähnliche Vorhaben dienen oder was ließe sich auf andere Projekte übertragen?
S. Nießner: Für die Mitmach-Baustellen sind wir im letzten Jahr im Rahmen eines Landespreises des Landes Hessen als Klimakommune ausgezeichnet worden. Einige andere Kommunen hatten großes Interesse daran, ähnliche Formate bei sich umzusetzen. Sie sind daraufhin auf uns zugekommen und haben nach unseren Erfahrungswerten gefragt. Das ist definitiv ein Format, das sehr gut übertragbar ist und das man in andere KfW 432-Projekte mitnehmen kann. Aber auch unabhängig davon könnte man Mitmach-Baustellen in die Klimaschutzaktivitäten von Kommunen aufnehmen. Sie sind sehr niedrigschwellig und etwas, das die Leute anspricht.
T. Duwe: Für uns stellte sich die Frage, wie wir die Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Jungfernkopf kondensiert und mit weniger Aufwand in andere Wohnquartiere bringen können. Ergebnis war ein Dreiklang: erstens das Angebot einer Einstiegsberatung und zweitens als Informationsangebot ein „Markt der Möglichkeiten“ rund um Photovoltaik, Wärmepumpen und eventuell Finanzierung. Dieses Format hat sich auf jeden Fall bewährt, weil man zu verschiedenen Themen mit Fachleuten sprechen kann – die wiederum ein interessiertes Publikum haben, das mit einer konkreten Vorstellung zu ihnen kommt. Und drittens die Mitmach-Baustellen, wo man einfach selbst Hand anlegen kann. Tatsächlich werden wir in Kassel auch in anderen Stadtteilen diese Angebote machen und die bisherigen Erfahrungen dort nutzen und adaptieren.
Was empfehlen Sie Kommunen, die derartige Projekte bei sich umsetzen wollen? Welche Tipps würden Sie mitgeben?
S. Nießner: Relevant und essenziell ist, dass man für das Team, das sich mit einem Projekt befasst, eine gute Auswahl trifft. Es ist wichtig, eine Person zu haben, die ein „Kümmerer“ ist und die Menschen gerne unterstützen will. Außerdem ist es gut, wenn man bei Sanierungsthemen sehr gezielt mit spezifischen und passgenauen Angeboten auf die Menschen zugeht. Im Stadtteil Jungfernkopf haben wir z. B. Personen angeschrieben, die wahrscheinlich ein zweischaliges Mauerwerk bei ihren Gebäuden haben, weil dort eine Fassadendämmung durch Einblasdämmung ziemlich kostengünstig umsetzbar ist. Und sehr viele kennen diese Art der Dämmung gar nicht. In unserem Fall war dieser Weg ein guter Erfolg und etwas, das ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann – derartige niedrigschwellige Sanierungsmaßnahmen ganz gezielt über persönliche Anschreiben zu bewerben. Ein anderes Beispiel ist, dass man schon vom Gebäudealter absehen kann, ob das Gebäude sehr wahrscheinlich geeignet ist, um ohne größere Probleme und Aufwand eine Wärmepumpe einbauen zu können. Diese Information sollte man den Eigentümerinnen und Eigentümern mit einem konkreten Vorschlag für eine Veranstaltung oder einem Angebot zukommen lassen.
T. Duwe: Wichtig ist, die konkreten Angebote schon von Beginn an zu machen – ohne lange Konzeptphasen, in denen kein Austausch passiert. Von Vorteil ist auch, wenn man sich an das anschließt, was vor Ort vorhanden ist – wie z. B. Vereinstreffen oder ein Ortsbeirat. Leute, die sich dort und für das Thema engagieren, braucht man als Botschafter in die Nachbarschaft. Beim Projekt in Jungfernkopf war von Anfang an klar, dass jemand eingestellt werden soll, der die Konzeptentwicklung begleitet und die Ergebnisse aus dem Konzept und die Maßnahmen trägt, umsetzt und als Ansprechpartner dient. Daher ist unsere klare Empfehlung, dass man Konzept und Sanierungsmanagement gleichzeitig beantragt.
S. Nießner: Ergänzend möchte ich dazu sagen, dass eine Erkenntnis für uns ist, die Konzepterstellung und das Sanierungsmanagement möglichst an den gleichen Dienstleister zu vergeben. So entfällt ein Wissenstransfer zwischen zwei Dienstleistern, und man gewinnt Zeit, weil der Dienstleister bei der Konzepterstellung gleich schon die Umsetzung mitdenkt. Es ist einfach ein Unterschied, ob man Maßnahmen aufschreibt, die ein anderer umsetzt, oder Maßnahmen aufzuschreiben, die man später selbst umsetzt.









