WOHNEN OHNE AUTO IN MÜNCHEN

Urbaner Geschosswohnungsbau mit Stahlbeton-Fertigteilen

Text: Walter Mühlbauer, German Deller, Ruth Ludwig | Foto (Header): © Dmitry Rukhlenko – stock.adobe.com

In München-Schwabing ist ein Wohngebäude entstanden, das aufgrund der Verwendung von Stahlbeton-Fertigteilen, seiner Sichtbeton-Optik und dem Mobilitätsanspruch der Bewohner, sich ohne Auto fortzubewegen, ein besonderes Projekt ist. Das Baugruppen-Haus wurde 2015 fertiggestellt und hat dennoch nichts an Aktualität verloren.

Auszug aus:

QUARTIER
Ausgabe 2.2020
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Für ein zentral gelegenes Grundstück in Westschwabing wurde in einem Bewerbungsverfahren der Landeshauptstadt München die Baugruppe „Wohnen ohne Auto“ ausgewählt, die damit überzeugte, neben gemeinschaftlichem Wohnen ohne Auto auch einen hohen Energiestandard von KfW 55 einzuhalten. Die Initiative „Wohnen ohne Auto e. V.“ hatte schon in München-Riem zwei Wohnanlagen initiiert. Zentrales Thema neben dem konsequenten Autoverzicht ist die Rückeroberung der Stadt mit dem Rad. Die innerstädtische Lage nahe dem Olympiapark bietet dafür beste Voraussetzungen. Trotz „Wohnen ohne Auto“ musste entsprechend dem Bebauungsplan eine Tiefgarage errichtet werden. Diese dient heute dem umfangreichen Fahrradpark der Bewohner.

Baukörper

Entsprechend den Vorgaben des Bebauungsplans ergänzt das 5-geschossige Gebäude mit einer Grundfläche von 30 × 12,60 m die städtebauliche Figur als markanter Endpunkt zum angrenzenden Straßenbereich. Zusammen mit der benachbarten Baugruppe und Baugenossenschaft entsteht eine großzügige, nach Süden geöffnete Innenhofsituation.

Wohnungsmix

Die Baugruppe bestand zu Planungsbeginn aus nurmehr 5 Parteien, deshalb musste das weitere Vorgehen eine flexible Strategie für die Bedürfnisse der zukünftigen Bewerber bieten. Sukzessive fanden sich gleichgesinnte Mitstreiter, um auch die verbleibenden Wohneinheiten zu belegen. Heute leben in 13 Wohnungen Münchner aus 6 Nationen, mit 16 Kindern, 50 Fahrrädern und 0 Autos. So individuell wie die Bauherren, waren auch deren Wünsche. Das spiegelt sich in einem Wohnungsmix aus Einzimmerappartements, 2– bis 3-Zimmer-
Wohnungen und großen Familienwohnungen mit bis zu 6 Zimmern wider.

Gemeinschaftsflächen

Die nach Westen erdgeschossig angelegten Privatgartenanteile sowie großzügige Balkone orientieren sich zum grünen Quartiershof, in dem alter Baumbestand mit Kletter- und Spielflächen und eine Streuobstwiese zur Selbstversorgung realisiert wurden. Die Gemeinschaftsdachfläche ist unterteilt in Liege- und Ruhezonen, Hochbeete und eine Freifläche für Filmabende, Treffen, Grillen und anderes mit Blick auf den nahezu greifbaren Olympiaturm.

Grundrissgestaltung und partizipatives Entwerfen

Ein modulares Grundraster ermöglicht den Zuschnitt unterschiedlicher Wohnungstypen und -größen, stellt abtrennbare Bereiche für Veränderungen im Lebenszyklus der Bewohner bereit und erlaubte ihnen bereits in einer frühen Entwurfsphase, ihre individuellen Wohnungen in Workshops mit den Architekten „mitzustricken“. Das im Osten liegende Treppenhaus erschließt pro Geschoss 3 Wohneinheiten. Die beiden äußeren haben durchgesteckte Ost-West-orientierte Grundrisse, die innen liegenden sind nur nach Westen zur Hofseite gerichtet. Eine 3 m breite zuschaltbare Zone zwischen den Wohneinheiten ermöglicht unterschiedliche Wohnungsgrößen und im realisierten Zustand alternativ ein abtrennbares Appartement für Studenten bzw. Pflegehilfe im Alter.

Vorgefertigte Wandelemente mit integrierter Technik

Die Thermowand ist eine individuell gefertigte Doppelwand mit integrierter Dämmung. In die Außen- und Innenschale aus Beton ist die Bewehrung nach statischen Anforderungen vollständig integriert. Durch die Verfüllung des Hohlraums mit Ortbeton wird die Wand zu einem monolithischen Bauteil.

Die hochwertige Dämmung liegt geschützt zwischen den Betonschalen. Es stehen je nach Anforderung unterschiedliche Dämmmaterialien zur Verfügung. Die Dämmstärke beträgt 4 – 22 cm, je nach Material und Anforderung – Dämmwerte wie z. B. im Passivhaus sind leicht realisierbar. Durch die innen liegende Dämmung ist der Dämmstoff vor mechanischer Beschädigung und Feuer geschützt, selbst die Ausführung als Brandschutzwand ist möglich.

Die Elektrotechnik ist in der Wand bereits berücksichtigt. Sowohl die Innen- als auch die Außenwand verfügen über eine schalungsglatte, malerfertige Oberfläche – die beste Grundlage für die Veredelung der Fassaden zu schönstem Sichtbeton. Diese robuste Alternative zu konventionellen WDVS-Fassaden ermöglicht einen schnellen Baufortschritt und bezahlbare Betonoptik bei Innen- und Außenwänden.

Haustechnik

Das Gebäude wird mit städtischer Fernwärme versorgt. Die Fußbodenheizung in Verbindung mit einer kontrollierten Wohnraumlüftung mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung sorgt für niedrige Verbrauchskosten (KfW 55 Standard).

Äußeres Erscheinungsbild

Die 13 individuell gestalteten Wohnungen spiegeln sich in der Fassadengestaltung wider. Die porenfreie, glatte, industrielle Oberflächenqualität der Außenwandelemente wurde nach Montage mit einer Hydrophobierung farblos endbehandelt. In Kontrast zum reduzierten äußeren Erscheinungsbild tritt das gemeinsam entwickelte Farbkonzept des Treppenhauses. Es wird durch die großen Verglasungen auch vom öffentlichen Bereich wahrgenommen.

Der Autor

Walter Mühlbauer, German Deller, Ruth Ludwig

Mühlbauer + Deller
Architekten und Stadtplaner Das Büro deckt mit umfassenden Kompetenzen und langjährigen Erfahrungen das gesamte Leistungsspektrum der Architektur und Stadtplanung ab. Dazu gehören individuelle Ein- und Mehrfamilienhauskonzepte, Geschosswohnungs- und Industriebau sowie der Bau von öffentlichen Einrichtungen. Neben der Projektentwicklung gewinnt die Fachkompetenz zu Beteiligungsprozessen und die Tätigkeit als Gutachter für Grundstücks- und Gebäudebewertung sowie als Sachverständiger zur Bauteil- und Prozessoptimierung zunehmend an Bedeutung und gewährleistet einen hohen Qualitätsanspruch.

Dieses breit gefächerte Portfolio hat sich anhand von über 250 Aufgaben entwickelt. Bei Themen wie Nachhaltigkeit und Energie war das Büro mit dem Bau von Passivhäusern und Plus-Energie-Konzepten der Zeit einen Schritt voraus. Der Einfluss einer sich verändernden, alternden Gesellschaft in einem prosperierenden Umfeld wurde in einer Forschungsarbeit untersucht und Beispiele in unterschiedlichen Wohnungsbaumaßnahmen realisiert.

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