SCHILDE-PARK IN BAD HERSFELD

Grüner Trendsetter

Text: Wolfgang Wette | Foto (Header): © Thomas – stock.adobe.com

Bad Hersfeld ist Kreisstadt des Landkreises Hersfeld-Rotenburg im eher strukturschwachen Nordosten von Hessen. Das Areal des Schilde-Parks schließt unmittelbar an die prosperierende Innenstadt an. Dass direkt im Zentrum einer Stadt ein 5,5 ha großes Gelände frei wurde und vielfältigen stadtplanerischen Projekten zur Verfügung stand, ist ein eher seltenes Ereignis und birgt unzählige Chancen für die Entwicklung eines Standorts.

Auszug aus:

In der Kurstadt Bad Hersfeld ist dies 2008 eingetreten, als die Firma Grenzebach ihr ehemaliges Industrieareal zugunsten einer neuen Werkstätte im Bad Hersfelder Außengebiet aufgab. Bei der Entscheidung über die Zukunft des neuen Baugrunds legten die Verantwortlichen großen Wert auf die Beteiligung der Bürger und machten so eine für moderne Stadtentwicklung untypische Vorgehensweise möglich: Anstelle einer den Großteil der Fläche überspannenden Bebauung sollte eine moderne Freiraumplanung umgesetzt und die angrenzenden ehemaligen Industriegebäude für Kultur- und Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Dass sich diese Pläne gegenüber wirtschaftlichen Verwertungsinteressen durchsetzen konnten, liegt an der neueren politischen Geschichte dieser Stadt.

Gesamtstädtische Entwicklungsstrategie

Erfolge in der modernen Stadtentwicklung hängen häufig von engagierten und durchsetzungsstarken Menschen ab. Bad Hersfeld hatte das Glück, dass Hartmut Henning Boehmer von 1996 bis 2010 Bürgermeister war. Boehmer war ein Visionär: Er stärkte zunächst den Logistikstandort Hersfeld in der Mitte Deutschlands, ließ keine Märkte auf der grünen Wiese zu, entwickelte die Innenstadt durch neue Beläge sowie Spiel- und Sitzmöglichkeiten und entdeckte schließlich die Liebe zu Gärten und Parkanlagen. Dies war allerdings nicht nur eine reine Passion, sondern hatte auch eine klare Zielsetzung: Nachhaltiger grüner Stadtumbau soll die Abwanderung vor allem jüngerer Familien stoppen und die Stadt als attraktives Zentrum für die angrenzenden Gemeinden etablieren, um dem dortigen demografischen Wandel entgegenzuwirken und Anreize für einen Zuzug zu schaffen.

Als binnen weniger Jahre die zentralen Park- und Grünanlagen saniert und die Fuldaaue renaturiert waren, wollte Boehmer die Landesgartenschau nutzen, um das Schilde-Areal zu gestalten. Dieser Plan misslang, da Bad Hersfeld keinen Zuschlag erhielt, aber es gab einen Plan B: Entwicklung des Areals auch ohne die Landesgartenschau.

Von der Industrieanlage zum Industriedenkmal

1873 begann die Firmengeschichte des Maschinenfabrikanten Benno Schilde vor den Toren der Bad Hersfelder Innenstadt. Die von ihm hergestellten Ventilatoren und Trockner zählten jahrelang funktional und qualitativ zu den Spitzenerzeugnissen der Branche. Nach seinem Tod 1911 hinterließ Benno Schilde ein Unternehmen, das sich in den folgenden Jahren als Schilde AG zu einem Arbeitgeber für 1.600 Mitarbeiter entwickelte.

Die erste Bauaktivität war mit der Fertigstellung von Gebäuden 1885 abgeschlossen. Mit dem stetigen Wachstum wurde ein Areal von 5,5 ha mit Hallen, Fertigungsanlagen, Bürogebäuden und Nebenanlagen bebaut. Die Verlagerung der Firma Grenzebach an den Stadtrand führte ab 2010 zum Freiwerden hochwertiger innerstädtischer Flächen. In der Denkmaltopografie Bad Hersfeld sind die Gebäude beschrieben.

Denkmalrelevant ist vor allem das „Werk 2“ der früheren Maschinenfabrik Schilde. Es wurde 1906 von dem auf Industriebau spezialisierten Frankfurter Büro von Joseph Rindsfüßer und Martin Kühn realisiert. Ein weiteres herausragendes Industriedenkmal ist die am Ufer der Geis errichtete Montagehalle. Sie besitzt im Inneren keine Geschossteilung bis auf eine auf Stahlfachwerkträgern umlaufende Empore und eignet sich somit in der Nachnutzung als Veranstaltungshalle.

Kooperation und Partizipation als Projektbasis

Die Bevölkerung wurde frühzeitig in das Gesamtprojekt eingebunden, indem sie ihre eigenen Vorstellungen, Wünsche und Nutzungsansätze einbringen durfte. Mit bürgerschaftlichem Engagement und hoher Akzeptanz im Stadtparlament wurde in einem mehrstufigen Planungsprozess das Gesamtkonzept erarbeitet. Die Arbeit in insgesamt vier Bürgerworkshops mit zusätzlichen Präsentationsterminen hat gezeigt, dass das Thema „Wasser in der Stadt“ von zentraler Bedeutung ist und für viel Begeisterung sorgt. Die politischen Gremien fassten 2009 einen einstimmigen Umsetzungsbeschluss, nachdem eine Bewerbung für die Ausrichtung der 5. Hessischen Landesgartenschau erfolglos geblieben war.

Zur Vorbereitung und Umsetzung des Gesamtprojekts folgte nach der Bürgerbeteiligung eine langwierige, komplexe und umfassende Planungsphase. Der kontrollierte Gebäuderückbau und die Flächenentsiegelung mussten koordiniert werden mit der infrastrukturellen Erschließung des Gebiets, der Freilegung der Geis und der Parkgestaltung. Auch die Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude musste in Bauabfolgen eingepasst werden. Um also die Aufgaben und Schnittstellen der Altlastenmanager, Baugrundgutachter, Hydrologen, Infrastrukturplaner, Gewässeringenieure, Landschafts- und Hochbauarchitekten, der Genehmigungsbehörden und auch der Bauherren abstimmen zu können, wurden in der Planungsphase regelmäßige Jour fixe durchgeführt, in denen während der Ausführungs- und Bauphase wöchentliche Baubesprechungen stattfanden. Die Projektleitung lag bei der Stadt Bad Hersfeld.

Konzeption und Umsetzung

Den sanierten denkmalgeschützten Hallen wurden modern und funktional gestaltete Außenräume gegenübergestellt, die punktuell an die ehemaligen Nutzungen erinnern. Eine „neue Schicht“ mit zeitgemäßen Freiraumnutzungen und naturnaher Flussrenaturierung umgibt die historischen Gebäude und das Parkhaus. Die Abrissarbeiten begannen 2010, die Fertigstellung des 1. Bauabschnitts mit Einweihung des zentralen Parks und der kulturwirtschaftlichen Einrichtungen erfolgte 2012. Zentrales Hochbau-Projekt des Schilde-Parks war die Umwandlung der ehemaligen Forschungs- und Entwicklungshalle zu einem außergewöhnlichen Veranstaltungsort, der für Konzerte, Theater und die Bad Hersfelder Festspiele genutzt wird. Die Halle mit ihrem 12 m hohen Mittelschiff aus filigranen Eisenstützen und den Seitenschiffen mit einem Wechsel von Backsteinpfeilern und den hohen Fenstern ist ein beeindruckendes Beispiel für die Bad Hersfelder Industriearchitektur. Die 1912 aus roten Backsteinen errichteten Grundmauern waren in gutem Zustand. Für Fenster, Dächer und die Innenräume der Produktionsstätte musste jedoch ein tiefgreifendes Modernisierungskonzept entwickelt werden, um der neuen Nutzung als Veranstaltungsort gerecht zu werden. Zentrale Aspekte der Planungen waren die Rekonstruktion der Klinkerfassaden und die energetische Sanierung des Gebäudes.

Auch beim Umbau der ehemaligen Stockwerksfabrik, die als weiterer Gebäudekomplex im Ostteil der Anlagen erhalten und saniert wurde, liegt aus Architektensicht der Fokus auf der Freilegung der architektonischen Qualitäten.

Die Landschaftsarchitektur der neuen Parkanlage verbindet die denkmalgeschützten Gebäudeteile mit einer reich durch gärtnerische Motive gegliederten Plaza. Den Park durchfließt die Geis nun wieder als offener Wasserlauf. Der zuvor über weite Strecken unterirdische Geislauf wurde freigelegt und ebenso wie die bisher offenen, aber technisch verbauten Bachabschnitte naturnah gestaltet. Dieses Wasserbauvorhaben trug damit wesentlich dazu bei, den Schilde-Park landschaftsgestalterisch aufzuwerten sowie den Hochwasserabfluss und den ökologischen Gewässerzustand der Geis zu verbessern. Im zentralen Bereich erfolgte die Gestaltung der Uferbereiche aufwendiger als in den westlichen und östlichen Abschnitten. Es wurden Elemente aus Blocksteinen und eine ufernahe Terrasse gebaut, die zur Landschaftsarchitektur der Plaza hin vermitteln. Damit gelingt eine direkte Verbindung zwischen künstlerisch und natürlich angelegten Wasserelementen.

Auf der zentralen Plaza wurden ein fast 400 m² großer Wassertisch und ein Wasserspielplatz errichtet, die das Thema „Wasser“ gestalterisch und spielerisch in den Schilde-Park übertragen haben. Wasser ist damit zum zentralen und verbindenden Element für den gesamten Park und seine neuen kulturwirtschaftlichen und bildungsorientierten Angebote geworden. Das Erlebnismuseum „wortreich“, die Schilde-Halle oder das Studium plus-Hochschulangebot sind neue Nutzungen im Park, die nachhaltig wirtschaftliche Impulse in der Gesamtstadt setzen.

Nach Ende der Ära Boehmer wurden die östlichen und westlichen Teile in veränderter Form ausgeführt. Obwohl der ursprüngliche 2009 verabschiedete Plan nur wenig neue Wohn- und Gewerbebauten im Westen vorsah, wurden in den Folgejahren sowohl im Osten als auch Westen des Areals mehrere Neubauten und eine Kindertagesstätte realisiert.

Das innovative Konzept des Schilde-Parks, das in wesentlichen Teilen umgesetzt wurde, ist heute aufgrund der vermehrten Wertschätzung des öffentlichen Raums und der Klimakrise aktueller denn je. Das Projekt wurde u. a. im Rahmen des Deutschen Städtebaupreises 2014 ausgezeichnet und verknüpft bürgerschaftliches Engagement mit Städtebau, Denkmalpflege, Kulturwirtschaft, Ökologie und Gestaltung zu einer erfahrbaren Einheit. Es soll abschließend mit einem Auszug aus der Laudatio von Karl-Christian Schelzke, Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, zum gewonnenen Landeswettbewerb 2013, Baukultur in Hessen, beschrieben werden:

„In 2011 wurde damit begonnen, das ehemalige Industriegelände der Benno-Schilde AG neu zu gestalten und die Freiflächen großzügig als Park anzulegen. Glanzpunkte auf dem Gelände sind die Plaza mit einem großen Fontänenfeld und der renaturierte Bachlauf der Geis.
Was ist nun das Besondere an dieser gestalteten Freifläche? Ich erlaube mir, drei für mich ganz wesentliche Punkte hervorzuheben:
1. Die Einbeziehung von Wasser, die „Wassergestaltung“, ist einzigartig: Neben einem insbesondere für Familien mit Kindern attraktiven Fontänenfeld und einer zum Verweilen einladenden Pergola sind es vor allem die Geräte des Wasserspielplatzes, die begeistern.
2. Entgegen einem nach wie vor wegen Wohnungsbedarf nachvollziehbaren Trend, wurde die innenstadtnahe Industriebrache nicht verdichtet, sondern für eine Frei- und Erholungsfläche genutzt und damit einer sozialen Funktion zugeführt.
3. Angesichts der finanziellen Miseren, denen der überwiegende Teil der Städte und Gemeinden ausgesetzt ist, kommt es mehr denn je darauf an, dass sich die Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Kommune identifizieren und von daher auch bereit sind, sich aktiv einzubringen. Der Schilde-Park ist ein Ort, an dem man sich gerne aufhält und der einem das Gefühl vermittelt, im richtigen Ort zu leben.“

Der Autor

Wolfgang Wette

Wolfgang Wette ist zusammen mit seinem Büropartner Ulrich Küneke seit fast 30 Jahren als Landschaftsarchitekt von Göttingen aus vorwiegend im norddeutschen Raum zwischen Hamburg und Frankfurt tätig. Das Büro hatte seit vielen Jahren einen Schwerpunkt in der Gartendenkmalpflege mit dem Fokus, geänderte Nutzungsanforderungen mit dem überkommenden Bestand in Einklang zu bringen. Aktuell liegen die Schwerpunkte von vielen Projekten auf einer Steigerung der Biodiversität und grüner Architektur.

www.wgk-planung.de

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