Realisierte Objekte
Mehrgeschossiger Holzmodulbau in Amsterdam: 3D aus BSP
Text: Marc Wilhelm Lennartz | Foto (Header): © DERIX-GRUPPE
In Amsterdam ist ein Wohnkomplex mit gemeinschaftlichem Kontext entstanden. „Poppies“ zeigt, wie ein mehrgeschossiger Holzmodulbau gut bezahlbaren Wohnraum und Gemeinschaft verbinden kann. Vorgefertigte BSP-Raummodule bilden dabei einen kompakten Wohnkomplex, der Arbeiten, Wohnen und Freizeit im begrünten Quartier zusammenführt.
Auszug aus:
QUARTIER
Ausgabe 5.2026
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Inhalte des Beitrags
Bis zum Jahr 2050 soll in den Niederlanden eine Kreislauf-Bauwirtschaft etabliert werden. In Amsterdam resultierte daraus die Vereinbarung mit dem Namen „Green Deal Timber Construction“. Sie besagt, dass 20% der Neubauten seit 2025 in Holzbauweise oder aus anderen organischen Baustoffen, wie z. B. Lehm, errichtet werden müssen. Um als echter Holzbau identifiziert zu werden, steht jedoch nicht, wie unter Fachplanern üblich, die tragende Konstruktion im Vordergrund, sondern die verbauten Holzmengen je Gebäude. So müssen mehrgeschossige Bauten zu 65% aus Holz bestehen, während Hochhäuser einen Mindestholzanteil von 50% nachzuweisen haben. Dieser Rahmen kommt dem Bauen mit 3D-Raummodulen aus massivem Brettsperrholz (BSP) entgegen. Zugleich wird auch dem Investorenwunsch einer zeitnahen Fertigstellung und Objektvermietung Rechnung getragen. In diesem Kontext ist in Buiksloterham ein mehrgeschossiges Gebäude in 3D-Holzmodulbauweise errichtet worden. Der bis zu 21 m hohe Holzbau „Poppies“ folgt dem Tiny-House-Prinzip. Standardisierte Module und kompakte Grundrisse reduzieren Materialeinsatz und Baukosten.
Laubengangerschließung
Der Gebäudekomplex setzt sich aus vier in unterschiedlichen Höhen abgestuften Wohnblöcken zusammen, die sich um einen begrünten Innenhof mit Garten gruppieren. Einzig die Gründungsebene und das Erdgeschoss bestehen aus Stahlbeton. Darauf platzierten die Zimmerer den massivhölzernen Modulbau, wobei Block A 4 Geschosse, Block B 2 Geschosse, Block C 5 Geschosse und Block D 3 Geschosse erhalten haben. Deren gemeinsame Erschließung erfolgt über den Innenhof: umlaufende, an die Module gestellte Laubengänge, die zugleich jeder Wohneinheit beschattete Außensitze bescheren. Die Konstruktion basiert auf mit einer Witterungsschutzlasur behandelten Brettschichtholz-Stützen, die wandseitig auf Stahlteilen lagern, die wiederum an den Modulen befestigt sind.
Re-Integration der Daseinsgrundfunktionen
Diese sozial-ökologischen Wohnstrukturen werden durch mehrere Gemeinschaftsbereiche komplettiert. So wartet das Erdgeschoss mit einer großen Fahrradparkzone neben diversen Ateliers, Co-Working-, Küchen- und Waschräumen in zum Teil halbgeschossigen Mezzanine-Strukturen auf. In Ergänzung dazu befinden sich im Erdgeschoss auch kommerziell genutzte Bereiche, wie z. B. ein Restaurant sowie weitere Ladengeschäfte, die auch externen Besuchern zur Verfügung stehen.
Damit werden im Poppies die in den Jahrzehnten vorher getrennten Daseinsgrundfunktionen Arbeiten, Wohnen und Freizeit inkl. der heute beliebten Homeoffice-Lösungen wieder zusammengeführt. Des Weiteren bedienen die auch als Mikro-Appartements bezeichneten Wohneinheiten die steigende Nachfrage an bezahlbarem, ökologischem Wohnraum in den urbanen Single-Hochburgen, zu denen auch Amsterdam gehört. Denn in den begehrten Agglomerationen ist Bauland ebenso wie Wohnraum in den früher üblichen (Wohnungs-)Größen kaum mehr zu bezahlen – ergo: Man reduziert Wohnflächen und damit Miete, Nebenkosten und täglich lange Wegstrecken zur Arbeit. In den Kleinwohnungen ist auf ca. 42 m² Wohnfläche alles beisammen: ein großer Wohn-, Arbeits- und Schlafraum mit integrierter Küchenzeile, nur das Bad/WC befinden sich in einem zweiten Raum. Die Warmmiete im Poppies liegt bei 25 €/m², woraus monatliche Mietkosten von rund 1.000 Euro je Wohneinheit resultieren.
Vereinheitlichte Mikro-Wohnungen
Der Wohnkomplex setzt sich aus 103 weitestgehend identischen 3D-Raummodulen zusammen, woraus 93 Einraum-Appartements mit vereinheitlichten Wohnungsgrößen und Grundrissen resultieren. Einzig der Block B verfügt über 50 m² große Wohnungen mit einem dritten Raum als separates Schlafzimmer. Das mittels eines Mockups entwickelte Basismodul in den Maßen (L) 12,80 × (B) 3,85 × (H) 3,12 m besteht hauptsächlich aus im Derix-Werk in Westerkappeln produzierten BSP-Elementen. Diese bringen auch die nachzuweisende Holzmenge von 65% in den Baukörper ein: 2.400 m³ Massivholz.
In der Grevenbroicher Modulbau-Produktionshalle der Derix-Gruppe sind die BSP-Elemente dann fließbandgleich zu Raumzellen montiert, just-in-time nach Amsterdam geliefert und in rund 5 Wochen zum mehrgeschossigen Rohbau gerichtet worden. Vorgefertigt wurden die schlagregendichte Außenhülle, Decken- und Wandoberflächen, die Durchfensterung der beiden Stirnseiten, Fußbodenaufbau mit Fußbodenheizung, Eingangstüren sowie die Rohinstallationen für Sanitär/Heizung sowie Steckdosen. Einzig die Bäder und Küchen sind erst in Amsterdam eingebaut worden. Hervorhebenswert ist, dass die Küchen von den Mietern geleast werden, und sie ihre Fußbodenbeläge selbst auswählen durften.
Massivhölzerne Tragstruktur
Die Konstruktion der Module basiert auf BSP-Böden, -Decken, -Längsseiten und -Innenwänden. Dabei setzen sich die BSP-Elemente aus bis zu 7-lagigen, kreuzweise verleimten Brettlamellen der Festigkeitsklasse C24 zusammen. Der Modulboden besteht aus einer einzigen großdimensionalen, 14 cm dicken BSP-Platte. Darauf stellen eine 30 mm dicke, in Kartonwaben eingebettete Kiesschüttung sowie eine 20 mm Estrich-Dämmplatte aus unkaschierter Steinwolle die Trittschalldämmung sicher. Obenauf folgen 25 mm hohe Trockenestrich-Fußbodenheizungselemente mit integrierter Rohrführung, die von einer 10 mm Gipsfaserplatte finalisiert werden. Der finale Bodenbelag wurde erst bauseits eingebracht. Die beiden Längswände wurden als 14 cm dicke, längsaussteifende Wandscheiben seitlich am Boden montiert.
Dadurch wird das Quell- und Schwindverhalten durch den direkten geschossweisen Stoß der Wandelemente minimiert. Innenseitig sind die Längswände schall- bzw. brandschutzbedingt mit 2 × 12,5 mm Gipskartonplatten – im 6-geschossigen Teil mit 2 × 12,5 mm Gipsfaserplatten – bekleidet worden. Außenseitig werden die Module an den langen Seitenwänden von einer 8 cm dicken Lage aus Steinwolle, die dem Schallschutz Rechnung trägt, hohlraumfrei voneinander separiert. Die innere Queraussteifung wird von einer 26 cm dicken BSP-Wand sichergestellt, die zudem – da halb offen – als Raumteiler fungiert. Obenauf schließt eine aus zwei Elementen bestehende, einachsig gespannte 8 cm dicke BSP-Einfeldplatte das Modul ab, die ebenfalls die Konstruktion aussteift.
Holzsichtige Decken und Wände
Ebenso wie die beiden zur Modulhauptrichtung quer stehenden Innenwände (aussteifende Wand: 26 cm Stärke/nicht tragende Wand: 6 cm Stärke), wartet auch die Decke mit sichtoffenen, geschliffenen und einem farblosen Anstrich versehenen Holzoberflächen auf. Vier Stahlplatten verbinden die Module an den Decken zu statisch wirksamen Scheiben, die Horizontalkräfte auf die Module der jeweiligen Geschossebene verteilen und über die Außenwände in die Fundamente ableiten. Der Abtrag der Vertikallasten der exakt übereinander gestapelten Module erfolgt von oben nach unten ebenfalls über die äußeren Modulwände. Die horizontalen Windlasten werden sowohl über die aussteifenden Innenwände als auch über die Modullängswände abgeleitet. Unterbrochen wird die durchgängige BSP-Konstruktion einzig an den beiden schmalen Stirnseiten.
Da sich hier die einzigen Fensterfelder befinden, setzten die Planer an dieser Stelle auf einen 18 cm tiefen und in ebendieser Stärke mit Mineralwolle ausgedämmten KVH-Ständer. Dieser hat innenseitig eine 6 cm tiefe und ebenfalls mineralisch gedämmte Vorsatzschale aus Gipskarton erhalten. Außenseitig wird der Ständer von 12,5 mm zementgebundenen, glasfaserbewehrten Sandwichplatten und einer schwarzen Fassaden-Wetterschutzbahn, einem 2-lagigen Polyestervlies mit Acrylatbeschichtung, abgeschlossen. Die Installationsebenen befinden sich zum einen in den Rohböden unterhalb des Bodenbelags und verlaufen zum anderen in Einfräsungen der BSP-Wände unter den Gipsfaserplatten. Des Weiteren werden die HLS-Leitungssysteme in einem Schacht geführt.
Gründach mit Terrasse und Biogarten
Auf dem begrünten Flachdach befindet sich eine Gemeinschaftsküche mit Terrasse und Dachgarten, die von den Bewohnern bewirtschaftet werden. Dank der Solarpaneele auf den nicht begrünten Dachflächen und an der Fassade versorgt sich das Poppies weitgehend selbst mit Eigenstrom. Dabei regelt eine zentrale Steuerung den energetischen Abgleich zwischen den verschiedenen Nutzungseinheiten der Wärmepumpen für die Heizung und Kühlung oder den Ladestationen für Elektroautos und E‐Bikes. In Summe folgt der Holzmodulbau aus kleinen Wohnungen dem Leitmotiv der Reduktion auf das Wesentliche und bedient die nachhaltigen Bedürfnisse seiner Bewohner. Gleichwohl ist zu beobachten, dass parallel zur Wohnflächenreduktion die Mietpreise derart gestiegen sind, sodass heute dieselbe Monatsmiete anfällt wie früher für 60 bis 80 m² große Wohnungen.
Projektdetails
| Bauweise 3D-Holzmodulbau |
Bauherr Mama Pioneers, NL-1032 KP Amsterdam (www.mamapioneers.com) |
| Architektur Marc Koehler Associates Amsterdam, NL-1013 BC Amsterdam (www.marckoehler.com) |
Projektentwicklung Edwin Oostmeijer Projectontwikkeling B. V., NL-1031 KC Amsterdam (www.edwinoostmeijer.nl) |
| Bautechnik VDNDP Bouwingenieurs B. V., NL-1505 RL Zaandam (www.vdndp.nl) |
Holzbau 3D-Raummodule Werkplanung, Vorfertigung, Montage: DERIX-Gruppe, D-41372 Niederkrüchten + D-49492 Westerkappeln (www.derix.de) |
| Statik, Tragwerksplanung Holzbau: Ripkens Wiesenkämper Beratende Ingenieure PartGmbB, D-45130 Essen (www.rw-ingenieure.de) |
Statik, Tragwerksplanung Massivbau: Van Rossum Raadgevende Ingenieurs B. V., NL-1086 XK Amsterdam (www.vanrossumbv.nl) |
Kennzahlen
| Bruttogeschossfläche (BGF) 6.200 m² |
Wohnfläche 5.100 m² |
| Gewerbe-/Kulturfläche 1.100 m² |
Bauzeit 10/2022 – 06/2025 |
| Baukosten 20 Mio. Euro |
Der Autor
Marc Wilhelm Lennartz
Der Fachjournalist & Autor Marc Wilhelm Lennartz, Dipl.-Geograph mit Schwerpunkt Städtebau + Siedlungswesen, lebt im Oberen Mittelrheintal und publiziert seit über zwei Dekaden u. a. in den Fachbereichen Architektur, Holzbau, Gebäudetechnik, Wohnungswirtschaft, Baubiologie und Denkmalpflege.
www.mwl-sapere-aude.com









