Realisierte Objekte
Kreislaufwirtschaft im Wohnungswesen: Von der linearen Wirtschaft zur Circular Economy
Text: Heike D. Schmitt | Foto (Header): © NHW
In der Bau-, Immobilien- und Wohnungswirtschaft findet ein Paradigmenwechsel statt: Weg von den Abfallbergen, hin zu Reduce, ReUse und Recycle. Erfahren Sie hier mehr zu den Hintergründen und zu Praxisbeispielen – unter anderem aus dem Eckpunkte-Papier der Initiative Wohnen.2050, das nun in aktualisierter Form vorliegt.
Auszug aus:
QUARTIER
Ausgabe 1.2026
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Inhalte des Beitrags
- Ressourcen schonen, Abfälle reduzieren
- Gebäude als Rohstofflager: Urban Mining
- Von der Glühbirne bis zum Holzboden
- Umdenken in der Gesellschaft
- Neues Leben für Kieferparkett
- ReUse bei der Aufstockung
- Bürogebäude als Mining Pool
- Wohnen über der Garage – mit wiederverwerteten Bauteilen
- Projekt ReSource: Wiederverwendung von Wasser
Der effiziente Umgang mit Ressourcen ist in den letzten Jahren zunehmend in den Mittelpunkt politischer Debatten gerückt und zu einem zentralen Thema der Bau- und Immobilienbranche geworden. Die Europäische Union (EU) definiert im Rahmen ihrer Taxonomie den Übergang in eine Circular Economy als eines von sechs zentralen Nachhaltigkeitszielen. Wie schon bei der Wärmewende in der Wohnungswirtschaft – mit dem favorisierten Resultat der Defossilisierung nebst reduzierter Eingriffstiefe –, ist auch hier ein Paradigmenwechsel angestrebt: Weg von der linearen Wirtschaft hin zur Circular Economy! Schließlich verbraucht die Baubranche so viel Ressourcen und produziert so viel Abfall wie kein anderer Sektor: Allein in Deutschland trägt sie zu 36 % der Treibhausgas-Emissionen, 50 % der Rohstoff-Entnahmen und 35 % des Müllaufkommens bei. In ganz Europa ist sie für 40 % aller CO₂-Emissionen sowie ein Drittel des aufkommenden Abfalls verantwortlich. Um bis 2045 Klimaneutralität zu erreichen und wachsendem Kostendruck entgegenzuwirken, ist es daher für die Bau-, Immobilien- und Wohnungswirtschaft unerlässlich, die Potenziale der Kreislaufwirtschaft anzuerkennen, auszubauen und auszuschöpfen.
Wohnungsunternehmen stehen vor der Herausforderung, sich in einem komplexen und ständig weiterentwickelnden regulatorischen Umfeld zurechtzufinden. Die EU hat mehrere Richtlinien und Verordnungen eingeführt, die bei der Implementierung von Kreislaufwirtschaftsprinzipien unterstützen und gleichzeitig verpflichten sollen – u. a. die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die EU-Taxonomie-Verordnung, die Ecodesign-Richtlinie sowie die Regulation on Construction Products (RCP) und den Digitalen Produktpass. Alles zielt darauf ab, die ökologische Nachhaltigkeit zu fördern und die Umweltauswirkungen von Produkten über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu minimieren. Zwar unterliegen die meisten Wohnungsunternehmen nicht mehr den CSRD-Berichtspflichten, jedoch stellen Banken aufgrund der für sie geltenden Regulatorik Anforderungen an die Kreditvergabe bei Projekt- oder Unternehmensfinanzierungen.
Ressourcen schonen, Abfälle reduzieren
Fakt ist: Die global endlichen Ressourcen müssen geschont und Abfälle reduziert werden. Die Wiederverwendung bzw. -verwertung von Materialien und Rohstoffen nach dem Cradle-to-Cradle®-Prinzip sind dabei wesentliche Faktoren: In einem angestrebt unendlichen Zyklus gehen sie nach der Verwendung zu 100 % zurück in den biologischen und technischen Rohstoffkreislauf. Ein Lösungsansatz: der nachhaltige Rückbau. Er sorgt dafür, dass Gebäude schadlos in den Energie- und Materialkreislauf zurückkehren. Drei Punkte kennzeichnen ihn:
— Reduce: Das Verringern des Abfallaufkommens durch Vermeidung von Abriss, eine Modernisierung mit entsprechend geringeren Abfallmengen und eine Weiternutzung bestehender Gebäude. Herausforderung: Ggf. umgebaute Wohnungen müssen aktuellen Bedürfnissen hinsichtlich Größe und Grundrissgestaltung entsprechen.
— ReUse: Das Wiederverwenden von zurückgewonnenen Bauprodukten in einem neuen Objekt/Projekt. Sie erfüllen an neuer Stelle den gleichen Zweck wie zuvor. Die Herausforderung dabei: recycelte Bauprodukte leistungstechnisch an die Qualität von neuen Erzeugnissen heranzuführen.
— Recycle: Materialien umwerten – mit gleicher oder schlechterer Qualität. Recycling von Baumaterialien und anderen Baustoffen hilft dabei, Rohstoffverbräuche zu reduzieren. Herausforderung: Trennung und Sammlung von Baustoffen sowie die Qualität der wiedergewonnenen Materialien.
Gebäude als Rohstofflager: Urban Mining
In diesem Kontext hilfreich ist das Urban-Mining-Prinzip, das dem Grundgedanken einer Circular Economy folgt, bei der die Wertschöpfungsketten ökonomisch und ökologisch so nachhaltig und effizient wie möglich gedacht werden. Der Ansatz: Städte sind wertvolle Materiallager, die es zu sichern gilt. Materialtrennung muss daher von Anfang an mitgedacht werden.
Genügend bezahlbaren Wohnraum anzubieten, erfordert heute auch, dass der Wohnungsbau sich der ökologischen Auswirkungen seiner Planungen vom Start weg bewusst ist. Es müssen Strategien genutzt werden, bei denen Rohstoffe mehrfach und lange zirkulär genutzt werden. Insbesondere mit Blick auf den Gebäudebestand liegt in der kreislaufwirtschaftlichen Optimierung eine große Chance. In Deutschland weist dieser rund 28 Mrd. t Baumaterial auf. Abrisse erfolgen noch zu leichtfertig, Rückbau geht mit Zerstörung einher, das Potenzial zur Mehrfachnutzung von Produkten wird nicht ausgeschöpft. Durch effiziente Sanierung und Modernisierung kann die Nutzungszeit von existierenden Gebäuden ausgebaut werden.
Die in der Initiative Wohnen.2050 (IW.2050) vertretenen Unternehmen stellen vor allem Bestandsgebäude. Die Wohnungswirtschaft ist damit langfristiger Lagerhalter von Materialien und Produkten. Bezieht sie den Werterhalt der eingesetzten Produkte in Neubau, Modernisierung, Instandhaltung und Abbruch mit ein, bietet die Regulatorik Vorteile.
Von der Glühbirne bis zum Holzboden
Schon seit Jahren hat sich die Münchner Wohnen GmbH das Ziel gesetzt, klimaschonend zu wirtschaften. Die Wohnungsbaugesellschaft der Landeshauptstadt hat daher bereits 2023 ein Kreislaufwirtschaftskonzept erstellen lassen. Diesem folgt das Unternehmen in der Praxis. In Kooperation mit dem Kommunalreferat der Landeshauptstadt München haben die Mitarbeitenden der Sektion Nachhaltigkeit und Klimaschutz der Münchner Wohnen beim Projekt Nimmerfallstraße untersucht, welche Potenziale im Urban Mining stecken. Von Herbst 2024 bis Herbst 2025 untersuchte das Team, welche Materialien aus Bestandsgebäuden sinnvoll gewonnen, vermittelt und wiederverwendet werden können und wie dies anzugehen wäre. Die Ergebnisse sind vielversprechend. Nach vollständiger Prüfung werden die 1950 errichteten Bestandsgebäude an der Nimmerfallstraße dann ersetzt. Der Neubau umfasst 70 neue, größere und familienfreundliche Wohnungen.
Umdenken in der Gesellschaft
Neben dem Projekt in der Nimmerfallstraße hat die Münchner Wohnen bereits andere Urban-Mining-Projekte durchgeführt. Die Erkenntnisse daraus trugen dazu bei, Planungs- und Bauprozesse anzupassen. „Die Wiederverwertung von Baustoffen durch sortenreine Trennung wird in Zukunft so etabliert sein wie heute die klassische Mülltrennung oder das Rohstoffrecycling“, so Susanne Kraus, Leiterin der Sektion Nachhaltigkeit und Klimaschutz, Münchner Wohnen. „Das Umdenken in der Gesellschaft mit Blick auf die Nachhaltigkeit und den Klimawandel, steigende Preise für Neumaterialien und vereinfachte Nutzungsregulatorik in den nächsten Jahren werden sich positiv auswirken.“ Die Münchner Wohnen vermittelt ihre aufbereiteten Baumaterialien an Unternehmen, Architekturbüros und Hersteller, aber auch Bürgerinitiativen, Privatpersonen oder interessierte Mitarbeitende. Wichtig: Alle Beteiligte müssen sich über das Ziel einig sein – insbesondere die Abbruchunternehmen. Gute Planung und Kommunikation stellen sicher, dass die Bauteile zerstörungsfrei und sortenrein zurückgebaut und wiederverwendet werden konnten.
Neues Leben für Kieferparkett
Die Liste an Materialien, die „gerettet“ und weitervermittelt wurden, ist lang: 180 m² Massivholzdielen aus Kiefer, die in einer Kita und einem Friseursalon wiederverwertet werden. Ebenso 49 m² Wandfliesen, neun Türen, 31 Deckenleuchten, eine Vielzahl an Dachziegeln und neun Naturstein-Fensterbänke – ebenfalls für eine Kita. 31 Klingel- und Lichtschalter werden in Bestandsbauten weiter eingesetzt, ein Gasherd in einer Outdoor-Küche, ein Holzofen in einem Tiny House.
Parallel zum Abbruch wurden weitere Materialien durch die Abbruchfirma ausgebaut und wiederverwendet. Darunter: Holzsparren für Forschungsprojekte der Technischen Universität München und der Technischen Hochschule Rosenheim sowie Fenster zum PVC-Recycling.
ReUse bei der Aufstockung
In Mörfelden-Walldorf wurden zwölf Wohnungen durch die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte I Wohnstadt (NHW) im ReUse-Verfahren mit wiederverwendeten Baumaterialien vollständig modernisiert und vier durch Aufstocken ergänzt (siehe auch Titelbild). Es entstanden rund 300 m² zusätzlicher Wohnraum. „Bei Rückbaumaßnahmen oder Modernisierungen fallen Wertstoffe an, die noch lange nicht am Ende ihres Lebenszyklus angekommen sind“, erläutert Robert Lotz, NHW-Fachbereichsleiter Modernisierung & Großinstandhaltung. Vielfach würden diese Materialien noch entsorgt werden. Sie könnten allerdings alternativ dem Materialkreislauf in Form der Wiederverwertung zugeführt werden. Darunter: Fassadenelemente, Fenster, Betonbauteile und Dachplanen. Auch hier kamen modulare Bauweise sowie sortenreine Trennungen für leichteres Recycling zum Einsatz. Besonders geeignet: Glasbrüstungen, Fenster, Balkonverkleidungen, Holzböden, Dachstuhl- und Deckenbalken, aber auch Lampen und Lichtschalter. Im Mehrfamilienhaus in Mörfelden-Walldorf wurden Materialien ohne aufwendiges Einlagern direkt vor Ort wiederverwendet und weitergenutzt. Das Projekt baut auf vorherigen Erfahrungen auf: Schon 2022 hatte die NHW in Kelsterbach Hessens erstes Recycling-Haus realisiert.
Bürogebäude als Mining Pool
Ein ReUse-Novum für die Branche ist ein Projekt im Lyoner Quartier, Frankfurt am Main: Brandschutztüren aus dem Abriss eines Bürogebäudes fanden im an gleicher Stelle neu errichteten Wohngebäude eine Wiederverwertung. Bei der hohen Qualität der Türen, Baujahr 2014, war bloßes Entsorgen ein „No-Go“ für die NHW. Es galt jedoch, Hürden zu nehmen – Brandschutz-Elemente gelten nicht umsonst in der Wiederverwertung als Königsklasse. Denn: Nach dem Ausbau verlieren die Türen ihre Zulassung und gelten als Abfall. Nach Recherchen kam das Team zu dem Ergebnis, dass eine Wiederzulassung möglich sei: Die Türen besaßen noch eine bis 2027 offiziell gültige Zulassung, alle Unterlagen des Herstellers lagen vor, ebenso die Abnahme durch den Sachverständigen sowie alle Protokolle der jährlichen Wartungen. Ein Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet wurde gefunden, das die Qualifikation und Zulassung besaß, die Elemente weiter zu bearbeiten. Für die notwendige offizielle Bewertung band die NHW das ift Rosenheim als unabhängiges Prüfinstitut ein. Nach Vorabklärung mit dem Ministerium für Wirtschaft in Wiesbaden und dem zuständigen Regierungspräsidium in Darmstadt entschied man sich für eine vorhabenbezogene Bauartgenehmigung (vBG). Ein halbes Jahr später einigten sich die Beteiligten auf eine Wiederverwendung mit „angepasster Kennzeichnung“.
Wohnen über der Garage – mit wiederverwerteten Bauteilen
Ein Bauprojekt, das verschiedene Aspekte des kreislauforientierten Prozesses berücksichtigt, hat die Volkswohnung in Karlsruhe-Rintheim realisiert: Garagenaufstockungen. Dabei wurden drei Garagenhöfe mit insgesamt zwölf Wohneinheiten aufgestockt (Anm. d. Red.: Hierzu haben wir vor der Fertigstellung in unserer Ausgabe 2.2023 berichtet). Auch „Boden“ ist eine Ressource, die sich mehrfach nutzen lässt. Es entstanden kompakte, größtenteils öffentlich geförderte Ein- bis Drei-Zimmer-Mietwohnungen, die insbesondere für Studierende und Alleinerziehende passenden Wohnraum bieten. Die Aufstockungen wurden in elementierter Holzbauweise mit sortenreinen Materialien und wiederverwertbaren oder wiederverwendeten Bauteilen errichtet. Alle Aufbauten können – falls erforderlich – zu einem späteren Zeitpunkt demontiert und an anderer Stelle erneut eingesetzt werden.
Projekt ReSource: Wiederverwendung von Wasser
Das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderte Projekt ReSource im GBG-Wohnquartier Aubuckel in Mannheim-Feudenheim könnte zur Blaupause werden: Städte und Kommunen müssen umgestaltet werden, um die Folgen der Klimakrise abzufangen und kostbares Wasser durch Wiederverwendung zu sparen. Das Prinzip in Mannheim: Regenwasser nicht verschwenden, sondern zunutze machen, zudem das anfallende Grauwasser effizienter verwenden. Das benutzte Wasser in den Haushalten stammt aus Duschen, Handwaschbecken und Waschmaschinen. Es wird gesammelt, anschließend per Ultrafiltrationsanlage gereinigt und fließt dann größtenteils zurück in die Haushalte – etwa für die WC-Spülung oder erneut für die Waschmaschine. Herzstück der Bewässerung im Aubuckel-Projekt ist ein Teichsystem, das außer Erholung vor allem zwei Funktionen erfüllt: als Speicher von überschüssigem Regenwasser, das zur Bewässerung von Grünanlagen und als Kühlung bei Hitze zum Einsatz kommt, und als Hochwasserschutz. Die Anlage ist so konzipiert, dass sie bei extremem Starkregen selbst große Wassermassen aufnehmen kann. Ein interdisziplinäres Forschungsteam der TU Darmstadt und seine Kooperationspartner ziehen für das Wasserressourcen-Management im neuen Mannheimer Wohnquartier ein vielversprechendes Fazit: Der Frischwasserbedarf kann um mehr als 40 % gesenkt werden.
Initiatve Wohnen.2050
Eine 2024 ins Leben gerufene über 40-köpfige Pioniergruppe der Initiative Wohnen.2050 (IW.2050) unter Leitung von Dipl.-Ing. Joost Hartwig, ina Planungsgesellschaft mbH, Darmstadt, Mitglied im Fachteam der IW.2050, hat Regularien, Definitionen, Know-how und Praxisbeispiele in einem knapp 80-seitigen Eckpunkte-Papier zusammengetragen. Das Nachschlagewerk, das den knapp 250 Partnerunternehmen, -verbänden und -institutionen kostenfrei zur Verfügung steht, wurde im Januar 2026 upgedated und um neueste EU-Regularien aus dem Dezember 2025 ergänzt. Ferner wurde in der Gruppe ein Excel-Werkzeug entwickelt, um die Wirtschaftlichkeit von CE-Maßnahmen bewerten zu können. Fachlich begleitet wird das Projekt von Dr.-Ing. Linda Hildebrand, ehemalige Professorin des Fachbereichs Rezykliergerechtes Bauen der RWTH Aachen, heutige Geschäftsführerin cube – Büro für Zirkularität im Bauwesen, sowie Timo Ernst, sustainable AG, München. Infos zur IW.2050: www.iw2050.de









