Im Gespräch mit Stephanie Heese: Mehr als Hülle

Im Gespräch mit Stephanie Heese: Mehr als Hülle

Im Gespräch mit Stephanie Heese

Mehr als Hülle

Text: Julia Ciriacy-Wantrup | Foto (Header): © SCHELLHORN & HEESE

BILD: PETER NIX

Die Fassade als klimaaktive Schnittstelle wandelt sich von einer rein schützenden Gebäudehülle zu einem multifunktionalen System, das aktiv mit der Umwelt interagiert. Sie verbindet thermische, ökologische und technische Funktionen, um die Energieeffizienz zu steigern, das Raumklima zu regulieren und städtische Resilienz zu fördern. Wie genau Fassaden im Wohnungsbau das Klima schützen, Energie sparen und auch Nachbarschaften prägen können, besprechen wir mit Stephanie Heese, geschäftsführende Gesellschafterin bei der Schellhorn & Heese Ingenieure für Fassaden GmbH.

Auszug aus:

Frau Heese, wie verändern Klimawandel, Hitzestress und verschärfte Energiestandards die Fassadenplanung im Wohnungsbau?

Wir gehen nicht davon aus, dass die hohen Anforderungen an den winterlichen Wärmeschutz (U-Werte) weiter verschärft werden, da Aufwand und Nutzen immer weiter auseinanderlaufen. Künftig wird es eher um die Fassade als Kraftwerk gehen und die Frage, wie sie direkt positiv das Innenklima beeinflussen oder auch sekundär über PV zur Stromversorgung beitragen kann. Auch die Frage der Gebäudegeometrie sollte in Zukunft eine größere Rolle spielen. Kompaktere Bauformen mit einer geringeren Hüllfläche bei gleichem Volumen bieten energetisch große Vorteile, bisher aber keinen Bonus bei der Nachweisführung. Ein großes Thema ist auch die Sanierung bestehender Fassaden. Die Lastgrenzen des vorhandenen Rohbaus erfordern leichte Konstruktionen, die dennoch alle heutigen Kriterien erfüllen. Recycling und Wiederverwendbarkeit von Baustoffen spielen zunehmend eine Rolle und schonen Ressourcen.

1 | Bei der Sanierung der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße gab es für Schellhorn & Heese bei einer interessanten Mischung aus Vorfertigung und handwerklichem Bauen verschiedene Denkmalschutzauflagen zu beachten.
BILD: SCHELLHORN & HEESE

Welche Rolle spielen adaptive Fassaden (verschattend, speichernd, lüftend) im Vergleich zur klassischen Wärmedämmverbundfassade (WDVS)?

Ein WDVS kann nur eines und das leider ziemlich gut: wärmedämmen. Dazu muss man wissen, dass jede gedämmte Wand eine deutlich bessere Wärmedämmung ermöglicht als das beste aller Fenster. Entsprechend wichtig ist ein vernünftiger Anteil opaker Flächen, gerade im Wohnungsbau. Der Heizenergiebedarf soll reduziert werden, eine mechanische Kühlung sollte nicht erforderlich sein. Die transparenten Fassaden müssen hingegen sehr viele verschiedene Funktionen übernehmen: Sie sollen den Raum mit Tageslicht versorgen, Energie im Sommer draußen und im Winter herein lassen, lüften und gleichzeitig vor Lärm schützen, transparent sein und Intimität wahren und so weiter. Um auf die unterschiedlichen Klimabedingungen und Nutzerbedürfnissen reagieren zu können, müssen die Fassaden daher wandelbar sein. In Wohngebäuden sind die Bewohner tagsüber häufig gar nicht da. In dieser Zeit sollte die Fassade optimal funktionieren, also intelligent gesteuert sein. Der Nutzer dankt es, denn er kommt in eine bestmöglich temperierte Wohnung. Danach kann er seine eigenen Bedürfnisse über die des energetischen Optimums stellen, die Fassade muss auch das ermöglichen.

Welchen Beitrag können modulare Fassadenlösungen zu nachhaltigen Gebäuden leisten?

Insbesondere im Holzständer- oder Holztafelbau sind tragende und dämmende Funktionen vereint und ermöglichen schlanke hoch wärmegedämmte Elemente aus einem nachwachsenden Rohstoff. Der Rohbau kann auf Stützen und Geschossdecken reduziert werden. Sogar tragende Holz-Außenwände aus Brettsperrholz sind möglich. Es gibt auch die Möglichkeit, dass die vertikale Tragstruktur Teil des Fassadenelements ist und der benötigte Stahlbeton noch weiter reduziert wird. Die Prozessqualität wird bei einer Vorfertigung gesteigert, und auch Qualität leistet einen Beitrag zur Nachhaltigkeit. Und am Ende ihrer Lebensdauer können die Elemente in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt und möglichst sortenrein dem Recycling zugeführt werden.

Wie lassen sich serielle oder modulare Fassadensysteme so einsetzen, dass sie trotzdem zur Identität eines Quartiers beitragen?

Die Frage, wie etwas gebaut wird, entscheidet viel weniger als man denkt dar über, wie es später aussieht. Egal, ob ich an Holztafelbauelemente oder Aluminium-Elementfassaden denke, ich kann mit einfachen Mitteln innerhalb eines Moduls variieren, ohne das System zu verlassen. Es ist auch möglich, verschieden breite Elemente zu kombinieren. Je nach Ausbildung der Fuge ist diese deutlich betont oder auch durch überlappende Bekleidungen gänzlich verdeckt. Ich bin überzeugt davon, dass eine modulare Fassade nur monoton aussehen muss, wenn man eben diese Gleichheit oder Monotonie auch wünscht. Die Fertigung aus Halbzeugen, ob nun im Werk oder auf der Baustelle, lässt eine Vielzahl an Formen, Materialien und Gestaltung zu. Diese zu nutzen, ist Aufgabe der Architekten.

Wie lassen sich nachhaltige und energieeffiziente Lösungen finden, ohne die Baukosten explodieren zu lassen?

Ein wesentlicher Aspekt ist das Verhältnis von Wand- zu Fensterfläche, denn die Kosten für transparente Fassaden sind i. d. R. höher als für opake. Fenster sollten so angeordnet sein, dass sie möglichst gut zur Belichtung der Räume beitragen. Glasflächen, die nur zum Energieeintrag führen, aber keinen Effekt auf die Tageslichtversorgung haben, sind ungünstig. Bodentiefe Fenster sind z. B. im Spannungsfeld zwischen Ausblick, Architektur, Absturzsicherung, Energieeintrag und Kosten zu diskutieren. Wichtig ist von Beginn an die Wahl der richtigen Konstruktion unter Berücksichtigung der oben genannten Aspekte. Hier kann die Fassadenplanung einen entscheidenden Beitrag leisten.

Welche Aspekte sind für die Planung aus Ihrer Sicht am relevantesten, wenn Sie an die Bedeutung der Fassade von Gebäuden der Zukunft denken?

Hier sehen wir zwei wichtige Themen. Zum einen die Resilienz, also das Vorbereitet-Sein oder Reagieren-Können auf noch unbekannte Herausforderungen. Dabei denke ich nicht nur an Extremwetterereignisse, es kann auch die Veränderung der Nutzung sein wie z. B. aktuell verstärktes Homeoffice, höhere Sicherheitsbedürfnisse, gänzlich neue Funktionen wie vielleicht Landemöglichkeiten für die Lieferung von Bestellungen per Drohne oder die Umwidmung von Büroflächen zu Wohnzwecken. Wir wissen heute nicht, was die Fassade morgen können soll. Aber umso reagibler und flexibler die Fassade ist, desto besser kann sie auch zukünftigen Herausforderungen standhalten oder entsprechend angepasst werden. Der andere Aspekt ist die Fassade im städtischen Kontext. Bisher betrachten wir meist nur ihre Wirkung auf das Innere des Gebäudes und nicht ihr Potenzial für die Umgebung. Eine Fassade kann schalldämpfend wirken, sie kann Teil einer Schwammstadt sein, Wärme speichern und verzögert wieder abgeben und beeinflusst über die Farbgebung die Energiereflexion, also den Albedo-Effekt. Sie steht also in vielfacher Hinsicht in Beziehung zu ihrer Nachbarschaft und gestaltet den Stadtraum und dessen Aufenthaltsqualitäten.

Das Gespräch führte Julia Ciriacy-Wantrup.

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