Im Gespräch mit Sebastian Sehr: Einfach auf Zeit

Im Gespräch mit Sebastian Sehr: Einfach auf Zeit

Im Gespräch mit Sebastian Sehr

Einfach auf Zeit

Text: Julia Ciriacy-Wantrup | Foto (Header): © SUSTINA

BILD: SUSTINA

Der Projektentwickler Sustina hat gemeinsam mit zahlreichen Projektpartnern aus der Planungs- und Baubranche ein „Unternehmen auf Zeit“ gegründet, um nach den Standards des einfachen Bauens sowie der integrierten Projektabwicklung ein Wohnquartier in Essen-Kupferdreh zu realisieren. Wir sprechen mit Sebastian Sehr als Architekt & Vorstand über die Herangehensweise und Schlüsselfaktoren für eine erfolgreiche Umsetzung.

Auszug aus:

Herr Sehr, Sie setzen für eine effizientere und qualitätsvollere Zusammenarbeit im Bereich der Planungs- und Bauprozesse auf die Gründung eines Unternehmens auf Zeit. Welche Vorteile bietet dieser Ansatz?

Der Ansatz des „Unternehmens auf Zeit“ ermöglicht uns, für jedes Projekt genau die Menschen zusammenzubringen, die es inhaltlich braucht – interdisziplinär, hoch spezialisiert und mit einem gemeinsamen Zielbild. Anders als in klassischen, sequenziellen Prozessen arbeiten Architektur, Tragwerksplanung, Technik, Nachhaltigkeit und Ausführung von Beginn an gemeinsam an Lösungen. Dadurch werden Zielkonflikte früh sichtbar und können direkt bearbeitet werden. Das reduziert Reibungsverluste, beschleunigt Entscheidungen und erhöht Termin- und Kostensicherheit. Gleichzeitig entstehen robustere und qualitativ bessere Gebäude, weil nicht jede Disziplin isoliert optimiert, sondern das Gesamtprojekt im Fokus steht. Für uns ist das die Grundlage, um ökologisch und sozial anspruchsvolle Projekte wirtschaftlich umzusetzen.

Was definieren Sie als Fundament der Zusammenarbeit für eine interdisziplinäre Arbeitsweise?

Das Fundament ist Vertrauen in die Menschen, in den Prozess und in die gemeinsame Zieldefinition. Unsere Zusammenarbeit basiert auf Offenheit, Transparenz und echter Augenhöhe zwischen allen Beteiligten. Entscheidend ist dabei die frühe Einbindung aller Disziplinen in einer gemeinsamen Value-Pre-Con-Phase. Dort definieren wir nicht nur technische und wirtschaftliche Ziele, sondern diskutieren auch gesellschaftliche, ökologische und gestalterische Qualitäten. Die Planung wird dadurch zu einem gemeinsamen Denk- und Entscheidungsraum. Iterative Abstimmungen, digitale Zusammenarbeit in Echtzeit und regelmäßige Workshops ermöglichen es, Varianten schnell zu bewerten und tragfähige Lösungen gemeinsam zu entwickeln. Dieses integrale Arbeiten stärkt Verantwortung, Qualität und Identifikation mit dem Projekt. Wir nennen es „EPA“, einfache Projektallianz.

Das Wohnensemble in Essen-Kupferdreh, dessen Baustart für Ende 2026 geplant ist, realisieren Sie nach dem Gebäudetyp E und einfach bauen. Was bedeutet das für Sie?

Für uns bedeutet „einfach bauen“ nicht Verzicht, sondern intelligente Lösungen, um Aufwand und Kosten ohne Qualitätsverlust zu reduzieren. Suffizienz gilt dabei als zentrale Nachhaltigkeitsstrategie. So wenig wie möglich, so viel wie nötig, Reduktion auf das Wesentliche. Beim Projekt „Deilegrund“ hinterfragen wir konsequent Standards, Konstruktionen und technische Systeme hinsichtlich ihres tatsächlichen Mehrwerts. Der Gebäudetyp E eröffnet dabei Freiräume für pragmatische, ressourcenschonende Lösungen. Wir setzen auf materialeffiziente Holz-Hybridbauweisen, Low-Tech-Gebäudetechnik und einfache Konstruktionen. Balkone werden beispielsweise als einfache Stahlkonstruktionen ausgeführt, ohne aufwendige Iso-Körbe oder Abklebungen. Das Anheben des gesamten Baukörpers aus dem Grundwasserbereich – in der frühen Planungsphase – sorgt für eine einfache Ausführung der Tiefgarage ohne weiße Wanne oder Bodenplatte. Kompakte Fenstergrößen und tiefe Laibungen machen einen kostspieligen Sonnenschutz überflüssig. Gleichzeitig prüfen wir Recyclingmaterialien, wiederverwendete Baustoffe und biogene Alternativen. Wie z. B. Wände aus Recycling-Klinker, Stroh oder Kalamitätsholz. Ziel ist ein Gebäude mit möglichst geringer CO2-Bilanz über den gesamten Lebenszyklus – wirtschaftlich, robust und langfristig nutzbar.

Was umfasst dies im Detail?

Das Low-Tech-Konzept besteht aus einer einfachen Abluft im Bad, kleinen Nachströmöffnungen in den Fensterrahmen, Heizkörpern statt Fußbodenheizung, einer Photovoltaikanlage und einer Luftwärmepumpe. Am Ende sorgt dies für den Energieeffizienzstandard EH40 und QNG. So bleiben nicht nur die Baukosten, sondern auch die Nutzungs- und Betriebskosten gering und damit die Mietwohnungen auch langfristig bezahlbar. Alle Vereinfachungen in der Ausführung und Normabweichungen haben wir gemeinsam mit dem Generalunternehmer vertraglich festgehalten, bis hin zur Möglichkeit der Verwendung von Recyclingmaterial und B-Ware.

Wie meistern Sie den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und sozialen bzw. ökologischen Ansprüchen?

Wir verstehen Wirtschaftlichkeit nicht als Gegensatz zu ökologischer oder sozialer Qualität. Entscheidend ist die Frage, welche Werte ein Gebäude langfristig für Nutzende, Quartier und Umwelt erzeugt. Deshalb betrachten wir Projekte immer über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg. Einfache, robuste Konstruktionen, geringe Betriebskosten, flexible Grundrisse und langlebige Materialien schaffen wirtschaftliche Stabilität. Gleichzeitig investieren wir bewusst in soziale Infrastruktur und gemeinschaftsfördernde Räume. Durch die integrale Planung können wir viele Qualitäten bereits früh mitdenken und intelligent kombinieren, anstatt sie später kostenintensiv „hinzuzufügen“. Unser Anspruch lautet: den größtmöglichen sozialen und ökologischen Mehrwert innerhalb eines wirtschaftlich tragfähigen Rahmens zu realisieren.

Welche weiteren Merkmale zeichnen das Projekt in Essen aus?

Das Quartier „Deilegrund“ versteht sich als offenes, gemeinschaftsorientiertes Wohnensemble. Neben klassischen Wohnungen entstehen auch Gruppenwohnungen für Menschen mit Behinderung sowie eine Senioren-WG. Ergänzt wird das Angebot durch Gemeinschaftsflächen, Werkstatt, Bewegungsraum und Sharing-Angebote. Alle Wohnungen werden barrierefrei geplant, ein überdurchschnittlicher Anteil rollstuhlgerecht. Der Außenraum bleibt weitgehend autofrei; Mobilität wird über Fahrradinfrastruktur und Elektroladepunkte organisiert. Hinzu kommt, dass das Quartier ein Pilotprojekt für die Erprobung des digitalen Gebäuderessourcenpasses des Landes NRW ist. Damit dokumentieren wir Materialien, Emissionen und Rückbaubarkeit digital über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Unser Ziel ist ein möglichst zirkuläres Quartier, das mehr Energie erzeugt als verbraucht und langfristig als Ressourcenbank funktioniert.

Welchen Stellenwert hat für Sie, was ein Gebäude für die Stadtgesellschaft leistet?

Gebäude prägen Orte über viele Jahrzehnte. Deshalb tragen Projektentwicklerinnen und Projektentwickler eine große gesellschaftliche Verantwortung. Für uns endet gute Architektur nicht an der Grundstücksgrenze. Entscheidend ist die Frage, welchen Beitrag ein Gebäude aus sozialer, räumlicher und ökologischer Sicht für sein Umfeld leistet. Wir möchten Orte schaffen, die Gemeinschaft fördern, Begegnung ermöglichen und Identifikation stiften. Deshalb beziehen wir unterschiedliche Perspektiven von den Fachplanenden über künftige Nutzende bis hin zur Nachbarschaft früh in die Planung ein. Gute Gebäude schaffen nicht nur Wohnraum, sondern auch Teilhabe, Aufenthaltsqualität und langfristige Lebensqualität im Quartier. Diesen gesellschaftlichen Mehrwert verstehen wir als zentralen Maßstab unserer Arbeit.

Das Gespräch führte Julia Ciriacy-Wantrup.

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