IBA HAMBURG

Neuer Stadtteil Oberbillwerder

Text: Sabine de Buhr | Foto (Header): © NEWS&ART – stock.adobe.com

Nach dem Motto „Mehr Stadt an neuen Orten“ werden am Hamburger Stadtrand derzeit drei Areale entwickelt, die bisher überwiegend landwirtschaftlich genutzt wurden. Eines davon ist der Stadtteil Oberbillwerder, in dem in den nächsten 20 Jahren rund 7.000 Wohnungen, 4.000 bis 5.000 Arbeitsplätze, zwei Grundschulen, ein Bildungs- und Gemeinschaftszentrum und 28 ha Grün- und Freiflächen entstehen werden.

Auszug aus:

QUARTIER
Ausgabe 4.2020
Jetzt Leser werden

Viele große Städte in Deutschland wachsen, und zwar so stark, dass die bisherige Konzentration auf die Flächen in der Inneren Stadt nicht mehr ausreicht, um die erforderlichen Wohnungen zu bauen. Es wird händeringend nach Wohnbauflächen gesucht, sei es in der Inneren Stadt mit dem Ziel der Verdichtung, wie z. B. auf Brachen, auf Konversionsflächen und an den Magistralen oder neuerdings auch an den Rändern der Stadt und im suburbanen Raum. Die Stadtränder erleben daher eine Renaissance und werden für die Umsetzung der Wachstumsstrategien wiederentdeckt.

Vor dem Hintergrund des ungebrochenen Zuzugs hat die Freie und Hansestadt Hamburg ihre Wachstumsstrategie angepasst. Während 2007 die Zielbotschaft des räumlichen Leitbildes „Mehr Stadt in der Stadt“ lautete, wurde dieses 2011 um die Strategie „Mehr Stadt an neuen Orten“ erweitert. Unter diesem Paradigmenwechsel werden in Hamburg derzeit drei, überwiegend landwirtschaftlich genutzte Areale entwickelt. Der neue Stadtteil Oberbillwerder in Hamburg Bergedorf ist einer von drei Orten in Hamburg, in dem diese Strategie umgesetzt wird. Vergleichbar mit Oberbillwerder in Hamburg gibt es in Deutschland weitere Städte, die sich in dieser Größenordnung am Stadtrand erweitern. Dazu gehören Freiburg mit Dietenbach, München mit Freiham, Augsburg mit Haunstetten, Berlin mit dem Blankenburger Süden, Frankfurt im Nordwesten, Konstanz mit der Stadterweiterung Hafner und Heidelberg mit dem Patrick- Henry-Village.

Die Wiederentdeckung der großmaßstäblichen Stadtentwicklung am Stadtrand ist auch Ursache eines neu entfachten wissenschaftlichen Diskurses, in dessen Mittelpunkt die Frage steht, ob aus den Erfahrungen der 1960er- und 1970er-Jahre gelernt wurde. Untersucht werden die Kriterien und Prozesse, die bei Planung und Bau der neuen Quartiere zugrunde gelegt werden. [1]

Blick in die Vergangenheit

In den 1960er und 1970er Jahren wurden bereits neue Quartiere am Stadtrand gebaut. Die funktionalistische Moderne hat u. a. bekannte Stadterweiterungen wie Bremen Neue Vahr, Köln Chorweiler oder Hamburg Steilshoop hervorgebracht. Die Hamburger Siedlung Osdorfer Born, dessen Grundstein am 24.10.1967 für 1061 Hochhauswohnungen gelegt wurde, wurde in der Hamburger Stadtentwicklungspolitik als Meilenstein gefeiert. Der damalige Bausenator Caesar Meister bezeichnete den Osdorfer Born als „Urbanes Wohnen“, worunter der Versuch zu verstehen sei, „durch Schaffung neuer Wohnformen das gesellschaftliche Leben zu intensivieren und zugleich den vielschichtigen Bedürfnissen unserer Familien optimal Rechnung zu tragen. Dem einzelnen Bürger oder der Familie soll die Möglichkeit eröffnet werden, besser als bisher zur Gemeinschaft zu finden und gemeinsame Probleme zu lösen“ [2].

Die Stadtentwicklungspolitik versprach sich durch das Urbane Wohnen am Stadtrand die Förderung eines intensiven gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die damals entstandenen Trabantenstädte haben ihren Fokus auf die städtebaulich große Geste gelegt und die Voraussetzungen für ein intensives gesellschaftliches Zusammenleben nicht ausreichend mitbedacht. Die Urbanität wie sie im europäischen Kontext verstanden wird, d. h. gut proportionierte öffentliche Freiräume und Quartiersplätze mit vielfältigen und kleinteiligen Angeboten zum Flanieren und Verweilen, ist nicht entstanden.

Blick in die Zukunft

Die städtebauliche Entwicklung Oberbillwerders entspringt keineswegs einer neuen Idee. Als Teil der stadträumlichen Entwicklungsachse des historischen Fächerplans von dem damaligen Oberbaudirektor Fritz Schumacher, der das Wachstum der Stadt entlang von fächerartigen Achsen konzentriert, ist die Fläche seit den 1920er Jahren als potenzielle Stadtentwicklungsfläche vorgesehen.

Der neue Stadtteil Oberbillwerder in Hamburg Bergedorf entsteht auf einer Singheute noch landwirtschaftlich genutzten Fläche und soll Heimat für bis zu 15.000 Bewohner werden. Er liegt an der S- und Fernbahntrasse zwischen Hamburg Hauptbahnhof und Hamburg-Bergedorf und wird mit zwei Haltestellen an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Die Fläche ist 124 ha groß, es entstehen rund 7.000 Wohnungen, 4.000 bis 5.000 Arbeitsplätze, zwei Grundschulen, ein Bildungs- und Gemeinschaftszentrum und 28 ha Grün- und Freiflächen. Die im städtischen Eigentum befindliche Fläche ist im Flächennutzungsplan als Wohnbaufläche und Gewerbefläche dargestellt.

Das Planungsteam Adept, Karres en Brands mit Transsolar hat das Mengengerüst in einen Masterplan übersetzt, der die klassischen Typologien des Städtebaus, den Baublock, das Townhouse und das verdichtete Einfamilienhaus anwendet und diese gleichzeitig neu mischt. Der Baublock ist kleinteilig parzelliert, verspringt in den Höhen, integriert Townhouses und öffnet sich mal mehr und mal weniger zum öffentlichen Raum. Es entstehen fünf unterschiedliche Quartiere, mit jeweils eigener städtebaulicher Typologie, die je nach Anforderung flexibel ausgestaltet werden können.

Jedes Quartier hat einen eigenen kleinen Quartiersplatz mit einem räumlich angelagerten Mobility Hub. In den Mobility Hubs werden die privaten und öffentlichen Stellplätze untergebracht. Die Flächen im Erdgeschoss stehen für öffentlichkeitswirksame Nutzungen zur Verfügung, z. B. Einzelhandel, Räume für die soziale Infrastruktur, Fahrradabstellplätze und Flächen für alternative Mobilitätsangebote. Der öffentliche Straßenraum bekommt dadurch eine neue Qualität. Anstatt parkender Autos gibt es mehr Freiraum für zu Fuß Gehende sowie Fahrradfahrer. Anstelle einer zentralen Grünfläche gibt es in Oberbillwerder einen Grünen Loop, der die Quartiere verbindet und Raum für unterschiedliche Nutzungen ermöglicht. Alle Kitas und Schulen können über den Grünen Loop fußläufig erreicht werden. Er bietet Platz zum Verweilen, Spielen, Sporttreiben und dient zudem als Retentionsraum für ein 100-jähriges Starkregenereignis.

Lessons learnt?

Die neuen Quartiere setzen nicht mehr auf neue große städtebauliche Formen, sondern stellen mit ihrer Kleinteiligkeit und Vielfalt eher einen Prozess in den Mittelpunkt. Dieser beginnt mit intensiven Beteiligungsprozessen in denen Bürger und Experten Anforderungen formulieren: Kompakt, robust, durchmischt, vielfältig, nachhaltig, smart und grün sollen die neuen Stadtteile sein. Die Umsetzung dieser Anforderungen erfolgt durch viele kleinteilige Qualifizierungsverfahren, die die neuen Leitthemen in bauliche Realität übersetzen. Viele unterschiedliche Bauherren werden hier zum Zuge kommen: private Investoren, Baugemeinschaften, Genossenschaften und kommunale Wohnungsunternehmen bilden in der Summe die Bauherrenschaft. Unterschiedliche Zielgruppen werden adressiert und müssen eine Antwort darauf bekommen, was der Stadtteil für sie bietet. Was bietet der Stadtteil für ältere Menschen, für bewegungseingeschränkte Menschen, für Jugendliche, für Alleinerziehende, für Singles und für junge Familien? Was erwartet sie, wenn sie aus der Innenstadt an den Stadtrand ziehen und wie wird aus einem Neubaugebiet ein Quartier? Die klassischen zentrums- und quartiersbildenden Gebäude wie Kirchen, Rathäuser oder Gemeindehäuser können diese Funktion nicht mehr erfüllen, weil sie nicht mehr gebaut werden. Diese Funktionen müssen durch neue bauliche und freiraumplanerische Lösungen ersetzt werden. In Oberbillwerder sind es:

  • Fünf Quartiere mit unterschiedlichem städtebaulichem Charakter und Qualitäten, urban im Zentrum und aufgelockert zur Landschaft
  • Mobility Hubs als nachbarschaftliche Zentren an den Quartiersplätzen
  • Straßen, die nicht mehr zugeparkt sind und dadurch zu multifunktionalen Stadträumen werden
  • Der Grüne Loop als multicodierter Freizeit- und Retentionsraum der alle Quartiere miteinander verbindet
  • Bildungseinrichtungen, von der Kita bis zur Universität, mit öffentlichen Angeboten für die Nachbarschaft
  • Vielfältige Sport- und Bewegungsangebote im Rahmen der Hamburger ActiveCity-Strategie

Oberbillwerder hat damit gute Voraussetzungen für eine neue städtebauliche Qualität am Stadtrand. Die Realisierung wird einen Zeitraum von rund 20 Jahren umfassen. Die Kunst wird es deshalb sein, diese Qualitätskriterien umzusetzen und die Prozesshaftigkeit der weiteren Entwicklung aufrechtzuhalten und im Diskurs zu bleiben. Das städtebauliche Gerüst muss neue Anforderungen einer sich verändernden Gesellschaft aufnehmen können, d. h. flexibel zu sein ohne jedoch den roten Faden zu verlieren und ohne dabei eine Beliebigkeit zu erzeugen.

Quellen
[1] Der Forschungsverband „Neue Suburbanität“ an der Universität Kassel im Fachbereich Architektur, Stadtplanung, Freiraumplanung, untersucht über einen 10-jährigen Zeitraum unterschiedliche Suburbanisierungstendenzen und fragt nach den gesellschaftlichen und politischen Hintergründen und die Umsetzung in die stadtentwicklungsplanerische Praxis. Der Forschungsverbund kommt u. a. zu der Erkenntnis, dass die Suburbanität einen völlig anderen Charakter haben werde als früher. Urbane Lebensstile, veränderte Haushaltsstrukturen und andere Anforderungen an Mobilität und an Formen der Arbeit führen zu anderen Wohnungstypologien und anderen Trägerformen an den Wohnungsmärkten. An der RWTH in Aachen am Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung wurde dieser Paradigmenwechsel in der Wachstumsstrategie unter folgenden Fragstellungen diskutiert: Warum entstehen die Quartiere dort wo sie entstehen? Ist es reiner Zufall, weil die Flächen verfügbar sind oder weil altes Planrecht wieder aktiviert werden kann oder steckt eine strategische Überlegung dahinter? Was verbindet die neuen Quartiere mit dem Ort?

[2] Bahnsen, Uwe (2007): Von der Mustersiedlung zum seelenlosen Betongetto, IN: Die WELT, 7.10.2007 (Zuletzt abgerufen am 26.3.2020)

Der Autor

Sabine de Buhr

Sabine de Buhr studierte Soziologie und Stadtplanung an der Universität Marburg und an der technischen Universität Hamburg-Harburg. Sie arbeitete 10 Jahre in der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, wo Sie u. a. die Agentur für Baugemeinschaften aufgebaut hat. 2006 wechselte Sabine de Buhr als Projektkoordinatorin bereits in der Gründungsphase zur Internationalen Bauausstellung IBA Hamburg 2006 – 2013. Hier war Sie zuständig für die Projekte, die einen Beitrag zu dem Leitthema Internationale Stadtgesellschaft geleistet haben. Nach sechs Jahren wechselte Sie und übernahm bei dem Generalunternehmer GMH Gebäudemanagement Hamburg die Projektsteuerung für den Neubau von Forschungsimmobilien der Universität Hamburg. Als Prokuristin hat sie dieses Geschäftsfeld aufgebaut und geleitet. Nach fünf Jahren im Hochbau kehrte sie 2017 in der Funktion der Städtebaulichen Leitung zur IBA Hamburg zurück. Die IBA Hamburg ist seit 2014 als Projektentwicklungsgesellschaft für die Stadt Hamburg in aktuell 10 Gebieten für die ganzheitliche Quartiersentwicklung verantwortlich.

JETZT ABONNENT WERDEN UND KEINE AUSGABE VERPASSEN:

QUARTIER

Das Fachmagazin für urbanen Wohnungsbau