IM GESPRÄCH MIT PETER KÜSTERS

Tool für lebenswerte Städte

Text: Julia Ciriacy-Wantrup

Während sich das städtische Wachstum weltweit beschleunigt, werden urbane Gebiete immer sensibler für den Klimawandel. Die Folge sind städtische Wärmeinseln, Luftverschmutzung und Überschwemmungen. Wie diese in Städten plan- und reduzierbar werden, erklärt Peter Küsters, Co-Founder von GREENPASS®, einem standardisierten Planungs‑, Evaluierungs- und Zertifizierungstool für klimaresiliente Stadtplanung und Architektur

Auszug aus:

Herr Küsters, welchen Stellenwert nehmen die klimatischen Veränderungen in Städten bei der Planung von Gebäuden und Quartieren ein?

Fachleute aus verschiedensten Disziplinen, wie z. B. Städteplanung, Klimawandel oder Medizin, wissen schon länger, dass wir ein sich exponentiell verschärfendes Problem in unseren Städten haben. Es wurde aber in der Praxis bisher nur wenig beachtet. Durch die vergangenen, aufeinanderfolgenden drei heißen Sommer ist der breiten Öffentlichkeit bewusst geworden, dass es in unseren Städten überproportional zu den ohnehin steigenden Temperaturen immer heißer wird. Vorher hat man bereits registriert, dass Starkregenereignisse, die im urbanen Räumen immer wieder zu Überflutungen führen, zunehmen. Überflutungen sind allerdings weniger flächendeckend und hinterlassen wohl weniger bleibenden Eindruck. Außer bei den Versicherern. Corona hat den Menschen nochmals deutlicher vor Augen geführt, wie wichtig eine gute Aufenthaltsqualität in unseren Städten ist.

Was kann GREENPASS® in diesem Zusammenhang leisten?

Jeder Mensch, der in den Wald geht, weiß, dass es dort im Sommer angenehm kühl ist. Pflanzen bringen auch in der Stadt Abkühlung. Mit optimaler Begrünung kann die messbare Lufttemperatur um bis zu 4 °C gesenkt werden. Und die gefühlte Temperatur kann damit sogar um 12 °C und mehr gesenkt werden. Das Stadtklima ist sehr komplex, jedoch gibt es inzwischen von den Wetterdiensten Daten für jeden Quadratmeter, die wir nutzen. Hinzu kommt, dass zu den Wirkungen von grüner (Pflanzen) und blauer (Wasser) Infrastruktur viel geforscht wurde. Die Ergebnisse meiner Mitgründer-Kollegen, die aus der Forschung und Lehre der Landschaftsarchitektur und Vegetationstechnik kommen, und mir – ich komme aus der Entwicklung der Dachbegrünungstechnik – sowie weiterer „grüner“ Forscher und Stadtklimatologen, sind Teil der 10-jährigen Entwicklung von Greenpass. Wir nutzen unser Wissen und übersetzen es in eine leicht verständliche, praxisnahe Analyse und Bewertung zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität im urbanen Raum und halten dabei auch die Kosten im Auge.

 

Wie funktioniert GREENPASS® in der Praxis?

Die digitale Planung von Architekt, Bauherrn oder der Stadtverwaltung wird mittels unserer Software GREENPASS®-Editor erfasst, mit Experten-Simulationsprogrammen
auf unseren Servern verarbeitet und in verständlicher Sprache und Grafiken in bis zu sechs urbanen Themenfeldern Klima, Wasser, Luft, Biodiversität, Energie und Kosten bewertet. Hinzu kommen dann unsere Optimierungsempfehlungen. Wir setzen angepasst an die Planungsphase Tools mit verschiedenen Bearbeitungstiefen ein: Im Vorentwurf reicht oft das Assessment, eine einfache Datenbankabfrage, um die gröbsten Schwachstellen aufzeigen zu können. Im neu entwickelten Tool Competition können die Entwürfe der Architektenwettbewerbe besonders schnell und einfach durch echte Mikroklimasimulationen verglichen werden. Im Entwurf empfehlen wir das Tool Pre-Certifcation, in dem verschiedene Planungsszenarien oder der Status quo mit der Planung verglichen werden kann. In der Ausführungsplanungsphase kommt dann das Tool Certification zum Einsatz. Hier werden dann die Feinheiten optimiert und festgelegt. Der Bauherr bekommt am Ende ein Zertifikat, mit dem er auch die Klimaresilienz seines Investments nach außen darstellen kann.

 

Die Kosten für Bauvorhaben sind – gerade im geförderten Wohnungsbau – der reglementierende Faktor. Wie werden diese im Tool berücksichtigt?

Das Einsparungspotenzial ist bei der Nutzung von GREENPASS® sehr hoch. Quantität ist nicht Qualität. Wichtiger ist das Wo und Wie der eingesetzten grünen und blauen Infrastruktur. Da wir die Herstellungs- und Pflegekosten mitsimulieren können, stellen wir das Delta zwischen Kosten und Wirkung her. An einigen der von uns begleiteten Bauvorhaben, bei denen das Budget in der Planung ohne den Einsatz unserer Tools um über 25 % überschritten wurde, konnten wir sicherstellen, dass das Budget wieder eingehalten wurde und die Wirkung bei nahezu 100 % blieb. Durch unseren Nachweis, dass mit unserem Tool geplante Bauvorhaben das Stadtklima verbessern, sind manche Genehmigungsbehörden offener, eine Etage oder ein Haus mehr zu genehmigen.

 

Wie sind die Tendenzen für grüne und blaue Infrastruktur in den Städten? Gibt es schon behördliche Vorgaben für klimawirksame Strukturen?

Politik und Behörden wissen um die Wirkung von Grün. Behördliche Vorgaben haben jedoch oft nur empfehlenden Charakter, sind veraltet, gehen am Ziel vorbei oder lassen die Möglichkeit offen, sich freizukaufen. Wir sehen allerdings immer mehr Investoren, die sich nicht nur ihrer Verantwortung bewusst sind, sondern auch erkannt haben, dass man ohne Grün und einer guten Aufenthaltsqualität in der Zukunft keinen Erfolg mehr haben wird. In Wien gibt es seit Anfang 2020 einen Beschluss des Rates, dass bei größeren Bauvorhaben zum Bauantrag eine mikroskalige Simulation beizufügen ist, die belegt, dass z. B. die Abkühlung des Abluftstroms aus dem Baufeld hinaus um einige Grad gewährleistet ist, der Regenwasserabfluss gering ist, CO² gebunden wird usw. Dieses „Wiener Modell“ ist inzwischen in einigen deutschen Stadtparlamenten in Beratung. Dadurch gäbe es größeren Gestaltungsspielraum, und dem eigentlichen Ziel, das Stadtklima und die Biodiversität zu schützen, würde viel sicherer entsprochen.

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