Städtebau & Quartiersentwicklung
Barrierefreies Städtebaukonzept in Köln-Porz: Vom Kaufhaus zur inklusiven Stadtmitte
Text: Insa Schrader | Foto (Header): © FRANCO CASACCIA/JSWD
Die Porzer Innenstadt stand jahrzehntelang für eine überdimensionierte, introvertierte Struktur mit Barrieren im Alltag: Ein großmaßstäbliches Kaufhaus und ein ausufernder Platz unterbrachen Wegebeziehungen, erzeugten Angsträume und schwächten das öffentliche Leben. Mit dem Rückbau des Kaufhauses im Jahr 2018 und der städtebaulichen Neuordnung auf rund 8.800 m² entstand die Chance, Zugänglichkeit und Orientierbarkeit neu zu denken – als integralen Bestandteil der Stadtentwicklung.
Auszug aus:
QUARTIER
Ausgabe 5.2026
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Inhalte des Beitrags
Die „Neue Mitte Porz“ organisiert drei Häuser (zwei Blöcke plus Blockergänzung) über einem unterirdischen Verteilerbauwerk zu einer altstädtisch anmutenden Körnung. Entscheidend für die Barrierefreiheit im Quartier sind dabei:
— Kurze, klare Wege: Historische Sicht- und Wegeverbindungen zwischen Rathaus, Rhein, St. Josef und City-Center werden wiederhergestellt – ein Plus für Orientierung, Sicherheit und selbstständige Mobilität.
— Platz als Multifunktionsraum: Der neu gefasste, kleinere Kirch- und Marktplatz (Friedrich-Ebert-Platz) ist leichter lesbar, übersichtlich und nutzungsflexibel – gute Voraussetzungen für eine barrierearme Alltagsnutzung.
— Maßstäbliche Fassaden: Reihen von giebelständigen Teilhäusern reduzieren optisch die Länge der Blöcke, schaffen Adressen und überschaubare Abschnitte – wichtig für kognitive Barrierefreiheit und Orientierung.
Nutzungsmischung
In den Erdgeschossen finden sich nun Nahversorgung und Gastronomie in Form einer Apotheke, Drogerie, von Bekleidungsgeschäften, Café-Restaurant und Vollsortimenter. Die Mischung reduziert Distanzen im Alltag – ein Schlüssel für barrierearme Quartiere. Darüber liegen 131 Wohnungen, von denen rund 30% öffentlich gefördert sind. Haus 2 enthält 52 öffentlich geförderte, barrierefreie Wohnungen für ältere Menschen. Haus 3 vereint das „Mittendrin Forum St. Josef“ (Gemeinde, Saal, Gruppenräume) mit 30 weiteren barrierefreien Wohnungen. Die zweigeschossige Tiefgarage bündelt den ruhenden Verkehr und entlastet den Stadtraum – ein Beitrag zu sicheren, konfliktarmen Wegeverhältnissen an der Oberfläche.
Material, Mikroklima, Aufenthaltsqualität
Der Freiraum setzt auf eine mehrfarbig helle Pflasterung mit barrierefreier Wegeführung, hitzetolerante Bäume und Stauden, die teils in Hochbeeten platziert sind (Decklage über der Tiefgarage) sowie vielfältige Sitzgelegenheiten und Spielbereiche. Die Wirkung für die Inklusion ist dabei mannigfaltig: Die Belagskontinuität reduziert Stolperstellen und erleichtert die Verwendung von Mobilitätshilfen. Klimawirksame Bepflanzung und Schatten verbessern die Nutzbarkeit für sensible Gruppen wie Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen. Und schließlich schafft die Möblierung Aufenthaltsorte mit sozialer Kontrolle, was relevant für das Sicherheitsempfinden und die selbstständige Nutzung ist. Weitere Maßnahmen im Rahmen des „Integrierten Stadtentwicklungskonzepts Porz-Mitte“ (wie u. a. Fußgängerzone oder Rheinboulevard) stärken die barrierearme Vernetzung über das Projekt hinaus.
Universelles Design
Die „Neue Mitte Porz“ zeigt, wie Barrierefreiheit auf Quartiersebene gelingt, wenn Städtebau, Freiraum, Nutzungsmischung und Detailgestaltung zusammenspielen: mit kurzen, klaren Wegen, überschaubaren Räumen, alltagsnahen Angeboten, klimaresilienten Freiräumen und einem substanziellen Anteil barrierefreier Wohnungen. Das Ergebnis ist kein Spezialangebot, sondern Universelles Design im Stadtmaßstab – nützlich für alle, aber unverzichtbar für viele.
Projektdetails
| Beteiligte Architekturbüros + Bauherrinnen JSWD (Städtebaukonzept, Verteilerbauwerk Quartiers-Tiefgaragen und Haus 1, für die Stadt Köln, vertreten durch moderne stadt) Molestina Architekten + Stadtplaner (Haus 2, für die Sahle Baubetreuungsgesellschaft mbH) Kaspar Kraemer Architekten (Haus 3, für die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH) club L94 Landschaftsarchitekten (Freiraumkonzept) |
Grundstücksgröße ca. 9.000 m² |
| Struktur 3 Häuser (2 Blöcke + Blockergänzung) über unterirdischem Verteilerbauwerk |
Wohnen 131 Einheiten, davon ca. 30% gefördert |
| Barrierefreies Wohnen 52 WE (Haus 2) für Senioren, 30 WE (Haus 3) |
Nutzung Erdgeschoss Apotheke, Drogerie, Textil, Café-Restaurant, Vollsortimenter |
| Mobilität zweigeschossige Tiefgarage |
Freiraum barrierefreie Wege, helle Beläge, hitzetolerante Bäume/Stauden, Sitz- und Spielangebote |
Auf andere Projekte übertragbare Gestaltungs- und Detailprinzipien für Barrierefreiheit
1. Wege & Orientierung
— lückenlose, stufenfreie Hauptrouten mit geringen Längs-/Querneigungen
— Sichtbeziehungen zu Zielpunkten (Kirche, Rathaus, Markt)
— Adressbildung durch fein gegliederte Fassadenrhythmen
2. Kognitive Barrierefreiheit
— klare Raumkanten, überschaubare Platzdimensionen
— wiedererkennbare Eingänge und Adressen, gut lesbare Erdgeschosszonen
3. Nutzungsmischung & Erdgeschossqualität
— Alltagsfunktionen im Nahbereich (Gesundheit, Versorgung, Gastronomie)
— Aufenthaltsangebote (Bänke, Randzonen) an Routen und Plätzen
4. Freiraum & Mikroklima
— rutschhemmende, kontrastierende, reflexionsarme Beläge
— Schatten, Trinkwasseroptionen und Sitzgelegenheiten in Teilstrecken
5. Wohnen & Gemeinschaft
— Anteil barrierefreier Wohnungen für unterschiedliche Lebenslagen
— Gemeinschaftsangebote (Forum, Gemeindesaal) als inklusive Anker
Ergänzende Best Practices (allgemein übertragbar): taktile Leitstrukturen auf Hauptrouten, akustische/visuelle Informationsangebote an Knotenpunkten, induktive Höranlagen in Versammlungsräumen, Kontrastmarkierungen an Stufenkanten – jeweils gemäß einschlägiger Normen und lokaler Vorgaben.







