SOZIALER WOHNUNGSBAU IN HAMBURG

Gelungene Nachverdichtung

Text: Bettina Kunst | Foto (Header): © linda_lioe – stock.adobe.com

Die städtebauliche Weiterentwicklung in Hamburg soll sich auf absehbare Zeit auf bereits erschlossene Bereiche der Stadt konzentrieren. Deshalb werden fortlaufend Quartiere auf mögliche erweiternde Wohnungsbaupotenziale geprüft. Kunst + Herbert hat in diesem Kontext bereits im Jahr 2014 mit der Planung eines der ersten Nachverdichtungs-Projekte der SAGA Siedlungs-AG im südlich der Elbe gelegenen Stadtteil Harburg begonnen.

Auszug aus:

Im südlichen Bereich des Harburger Zentrums entstanden in einem durch Bebauung der Nachkriegszeit und Gebäude der 1950er-Jahre geprägten nachbarschaftlichen Umfeld zwei Neubauten mit insgesamt 21 öffentlich geförderten Wohnungen. Die Nachverdichtung erfolgte auf zwei nahe beieinander gelegenen Grundstücken in der Bornemann- und der Harmsstraße.

Das neue Gebäude an der Bornemannstraße nimmt den Rücksprung des Blockrands zur nordöstlich benachbarten Wohnbebauung in seiner charakteristischen Kubatur auf, die von markanten, außergewöhnlichen Übereck-Balkonen unterstrichen wird. Da die drei anliegenden Wohnbauten über die vormalige Baulücke und den gemeinsamen Innenhof rückwärtig erschlossen werden, musste im Zuge der Baulückenschließung zwingend eine Zuwegung des Hofs von der Straße aus sichergestellt werden. Eine weitere wesentliche Einschränkung für die Überplanung der Baulücke war die vorgeschriebene Begrenzung der Gebäudehöhe, denn die Enge der Bornemannstraße schließt eine Anleiterbarkeit durch Leiterwagen der Feuerwehr aus. Da die Erreichbarkeit von Wohnungen über eine Steckleiter nur bis zu einer Höhe von 8,40 m möglich ist, war für das Grundstück nur eine entsprechend reduzierte Gebäudehöhe zulässig.

Grundstücksspezifische Einschränkungen

Eine Wohnbebauung war aufgrund dieser grundstücksspezifischen Einschränkungen für das Grundstück bis zu diesem Zeitpunkt nicht in Erwägung gezogen worden. Nur die Akzeptanz der Restriktionen als Grundlage für ein tragfähiges Entwurfskonzept und die ideenreiche Transformation der Vorgaben in besondere Wohnqualitäten machten die Realisierung des Bauvorhabens und das Schaffen neuen Wohnraums an dieser Stelle möglich und attraktiv. Das Konzept für den Neubau in der Bornemannstraße löst die baulich einschränkenden Vorgaben zur Schließung der Baulücke auf harmonische Weise.

Wohnraum mit hohem Niveau

Die rückwärtige Erschließung der benachbarten Wohnbauten wird über einen Durchgang durch das neue Gebäude von der Straße in den Innenhof aufrechterhalten. Im Inneren des Hauses schaffen geschickt gestapelte Maisonette-Wohnungen für den sozialen Wohnungsbau untypisch hohe Wohnqualitäten. Sie lösen auch die schwierige Situation der feuerwehrtechnischen Thematik und erweitern die mögliche Gebäudehöhe. Der Neubau beinhaltet zwölf Wohneinheiten mit zwei bis vier Zimmern, davon vier Geschosswohnungen und acht Maisonettes. Obwohl die für den öffentlich geförderten Wohnungsbau üblichen, kostengünstigen Ausführungsstandards auch in den Nachverdichtungsprojekten der SAGA regelhaft zur Anwendung kommen, bereichern die zwei Neubauten das Harburger Quartier um Wohnraum von vergleichsweise herausragend hohem Niveau. Die Wohnungen können individuell zoniert und damit an die unterschiedlichen Situationen der Lebenszyklen der bewohnenden Familien angepasst werden. Die zweigeschossigen Wohneinheiten schaffen ein Wohngefühl, das dem eines Hauses nahekommt. Alle Einheiten, die keinen Zugang zum Garten haben, verfügen über einen geräumigen, für unterschiedliche Anlässe gut nutzbaren Balkon als privaten Außenraum in dem urbanen Wohnumfeld. Von besonderer Aufenthaltsqualität sind die großen Übereck-Balkone zur Bornemannstraße im 1. und 3. OG, auf denen die Bewohner die Sonne aus verschiedenen Himmelsrichtungen sowie entsprechend weite Ausblicke genießen können. Die privaten Dachterrassen der Wohnungen im Staffelgeschoss bieten einen beeindruckenden Blick über Harburg.

Das neue Gebäude fügt sich vermittelnd in die Baulücke der Bornemannstraße ein und schließt über eine farbliche Harmonisierung an seine Bestandsnachbarn an. Das in unmittelbarer Nähe gelegene zweite neue Wohngebäude der SAGA an der Harmsstraße begrenzt einen Innenhof zwischen zwei Zeilenbebauungen und bildet für diesen einen schützenden Abschluss zum Straßenraum. Aufgrund der hier notwendigen Abstandsflächen zu den anliegenden Wohngebäuden steht das neue Haus als solitäres Gebäude frei, sodass die neun Wohneinheiten des Gebäudes sich mit Fenstern zu allen Seiten öffnen.

Stimmige Einheit

Die beiden Häuser in der Bornemann- und der Harmsstraße wurden zusammen geplant und errichtet. Gemeinsam bilden sie eine materiell und charakterlich stimmige Einheit, die das Erscheinungsbild des Quartiers harmonisch ergänzt. Durch die mit dunkelblauer Keramik belegten Wände der Treppenhäuser vermitteln die Häuser eine besondere Atmosphäre, die in ihrer Formensprache an die 1920er-Jahre erinnert und damit den großen Wohnungsbaureformen der Moderne ihre architektonische Referenz erweist.

Weitere Hamburger Projekte

Dem Harburger Projekt zur Nachverdichtung folgend, entstehen auch in zahlreichen anderen Hamburger Quartieren seit einigen Jahren im Rahmen bestehender SAGA-Wohnquartiere anstelle von Stellplatzanlagen und Garagen öffentlich geförderte Wohnungen zwischen 1,5 und 5,5 Zimmern für Familien, Senioren und Alleinstehende. Kunst + Herbert bearbeitet in diesem Rahmen aktuell 13 entsprechende Bauvorhaben an unterschiedlichen Standorten im Hamburger Stadtgebiet als Generalplaner zum Neubau von insgesamt 630 Wohnungen. Die Gebäudetypologien definieren sich über Module, die den Bestand ergänzen und an die vorhandenen Strukturen anknüpfen. Die modulare Bauweise schafft die Voraussetzungen für eine einfache Addier- und Erweiterbarkeit der Gebäude. Die Planung außen liegender Sicherheitstreppenhäuser ermöglicht die Planung und Umsetzung der Nachverdichtungsprojekte bei gleichzeitigem Erhalt schützenswerten Baumbestands.

Die Materialität und die Struktur der Fassaden lehnen sich an den jeweils umgebenden baulichen Bestand an. Diesem Prinzip folgend, sind die Fassaden in den aktuell bearbeiteten Projekten als Putz- oder Klinkerflächen gestaltet. Ein besonderes Augenmerk liegt neben der Fassadengestaltung auf der variationsreichen Ausführung der Balkone, die allen Wohnungen in den oberen Geschossen zugeordnet sind. Unterschiedlich gestaltete Balkonbrüstungen verleihen den Wohnanlagen ein jeweils individuelles Gesicht und tragen maßgeblich zur Identifikation der Bewohner mit ihrem Quartier bei. Lochblechverkleidungen mit spezifischen Mustern, z. B. abstrakten Baum- und Pflanzenmotiven, bringen Reflexionen und Schattenspiele auf die Fassaden, die den Häusern je nach Lichtverhältnissen und Jahreszeit ein wechselndes, lebendiges Äußeres verleihen.

Die Maßnahmen zur städtischen Nachverdichtung schließen auch die Planung hochwertiger neuer Freiräume für die Wohnanlagen mit ein. Hierbei wird besonderer Wert auf die maximale Erhaltung des gewachsenen Baumbestands gelegt, sodass Spiel- und Aufenthaltsflächen von hoher Qualität im Grünen für die Quartiersbewohner entstehen.

Der Autor

Bettina Kunst

Bettina Kunst studierte Architektur an der Technischen Universität Braunschweig. Seit 1996 leitet sie gemeinsam mit Christian Herbert das Hamburger Architekturbüro Kunst + Herbert. Sie ist Vorsitzende des Arbeitskreises Stadtentwicklung der Hamburgischen Architektenkammer sowie Mitglied des Gestaltungsbeirats Eckernförde.

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